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Wales: Wandern auf Walisisch

von Andrea Storr, M.A.


Wir befinden uns nur wenige Kilometer von Betws-y-coed im kleinen Capel Curig im Parc Cenedlaethol Eryri in Cymru. So zumindest würden es die Waliser sagen. Aus englischer, weniger zungenbrechender, Sicht sind wir im Snowdonia Nationalpark in Wales, dem kleinsten Landesteil des Vereinigten Königreichs. Interessanterweise bedeutet der walisische Landesname 'Cymru' soviel wie Landsmann, während sich der englische Name, vom germanischen Welsch stammend, als Fremder übersetzt. Hier in Snowdonia, im Norden des Landes, haben wir tatsächlich das Gefühl in eine andere Welt zu tauchen.

Mawddach - Panorama Walk, Snowdonia. © Crown copyright (2009) Visit Wales
Icon Bild vergrößern  Mawddach - Panorama Walk, Snowdonia. © Crown copyright (2009) Visit Wales

Nicht ohne Revolte

Aufgrund des hügeligen Terrains, sowie heftigen Widerstands der zähen Bevölkerung, schafften die Angelsachsen es nie Wales zu erobern. Somit blieb das Land eine keltische Region, die als eines der bedeutendsten politischen und kulturellen Zentren keltischen Europas zählte. Im Jahre 1282 jedoch besiegten die Nomannen Llywelyn, den letzten der unabhängigen walisischen Fürsten, und Anfang des 15. Jahrhunderts musste Wales sich endgültig geschlagen geben. Unter dem Act of Union wurde das Land im Jahre 1536 dem Königreich von England zugeordnet. Englisch bekam die offizielle Amtssprache.

Seither sind die Waliser bemüht, ihre eigene Kultur aufrechtzuerhalten, und viele nutzen Walisisch um sich von der englischen Verwaltung, und somit von dem Rest Großbritanniens, abzugrenzen. Dank des Welsh Language Acts, verabschiedet in 1993, sind die englische und walisische Sprache heute gleichgestellt. Vor allem im Norden und Westen des Landes ist Walisisch weit verbreitet. Da sind wir hier also genau richtig, und fasziniert lauschen wir den Gesprächen wann immer die Möglichkeit sich bietet. Die kehligen Laute sind mit keiner anderen Sprache zu vergleichen. Es ist uns ein Rätsel wie die Menschen es schaffen die konsonantischen Worte so leichtzüngig auszusprechen. Selbst wenn sie ins Englische wechseln, sind wir von dem singenden Tonfall ihres Akzenten begeistert.

Wandern am See Llynnau Mymbyr in Snowdonia. © Crown copyright (2009) Visit Wales
Icon Bild vergrößern  Wandern am See Llynnau Mymbyr in Snowdonia. © Crown copyright (2009) Visit Wales

Wo die Natur das Sagen hat

Der Snowdonia Nationalpark, mit seinen spektakulären Bergketten, gehört zu knapp 70% Privateigentümern. Die insgesamt 26000 im Park lebenden Menschen betreiben überwiegend noch Landwirtschaft, wobei Schafzucht, Forstwirtschaft und Schieferabbau die größte Bedeutung besitzen. Trotz hoher Besucherzahlen ist der Park vom allgemeinen Fortschritt relativ unberührt. Touristen sind herzlich willkommen, haben sich aber mit dem zufriedenzugeben, was ihnen geboten wird. Im Vordergrund steht die Harmonie zwischen Mensch und Natur, sowie Tradition und Lebensqualität.
  Die raue Berglandschaft ist von einer elementaren Wildheit geprägt, die uns nackt gegenüber steht. Uralter Baumbestand mit knorrigen Eichen und hochwachsendem Farnkraut, grau-verwittertes, mit limonenfarbener Flechte übersätes, Gestein und sumpfige Hügel erinnern an prehistorische Zeiten. Hier waren die Kelten zuhause. Wehe dem, der sich unvorbereitet in die Höhen wagt. Die hiesigen Bergketten – Carneddau, Glyders, Snowdon, Moel Hebog und Moel Siabod – sind anspruchsvolles Terrain. Bei klarer Sicht ist es noch möglich, sich an den jeweilig typischen Bergspitzen und Konturen zu orientieren. Hängen die Wolken aber tief, oder setzt plötzlicher Nebel ein, sieht es in einer Richtung aus wie in der anderen. Nicht umsonst heisst es in Wales 'It's raining (es regnet), it's been raining (es hat geregnet) or it's going to rain (es wird regnen)'!

Nebel auf dem Snowdon (Snowdon Horseshoe Walking). © Crown copyright (2009) Visit Wales
Icon Bild vergrößern  Nebel auf dem Snowdon (Snowdon Horseshoe Walking). © Crown copyright (2009) Visit Wales

Ende gut alles gut

So ergeht es uns eines sonnigen Tages bei einem Ausflug auf den Gipfel Carnedd Ddafydd (1044m). Die Carneddau umfasst die größte Berggruppe Snowdonias, und zeichnet sich durch breite, grasbewachsende und zum Teil felsige, Grate aus. Oben angekommen, lässt es sich auf hoher Ebene stundenlang problemlos wandern. Doch sind die Entfernungen aus dieser Perspektive leicht irreführend, und wir beginnen den Abstieg später als ursprünglich geplant. Schwere Wolken ziehen sich über uns zusammen, und feuchter Nebel versperrt den Blick ins winzige Tal. Prompt kommen wir vom eigentlichen, sicher nach unten führenden, Pfad ab, und finden selbst mit Hilfe von Karte und Kompass nicht zu ihm zurück. Durch Nebelschwaden hindurch können wir auf der gegenüber liegenden Seite den herabfallenden, finsteren Hang des Berges Tryfan (917m) erkennen. Unter Kletterern beliebt, erinnert er in diesem Moment, schwarz und tief zerfurcht, an etwas Bösem aus Herr der Ringe.

Die Zeit rennt, und es bleibt uns nichts anderes übrig als querfeldein, den sumpfig-grasigen Abhang hinunter, in die ungefähr richtige Richtung zu laufen. An einer Herde halbwilder Ponies vorbei, die uns durch ihre langen zotteligen Mähnen unbekümmert mustern, kommen wir bei anbrechender Dämmerung an die Ufer eines Reservoirs. Im Halbdunkel klettern wir die steile Böschung rauf und runter, bis wir dann schließlich auf einen Weg stoßen, der uns zurück zur Straße führt. Von Natur aus ist die dramatische Landschaft Snowdonias bester Freund und unbeugsamster Feind zugleich.

Wandern am See Llynnau Mymbyr in Snowdonia. © Crown copyright (2009) Visit Wales
Icon Bild vergrößern  Wandern am See Llynnau Mymbyr in Snowdonia. © Crown copyright (2009) Visit Wales

Wandern muss nicht sein

Der höchste Gipfel Snowdonias, und somit in Wales, ist Snowdon (1085m), oder auch Y r Wyddfa. Wer ihn erklimmen möchte, muss dies allerdings nicht unbedingt zu Fuß tun. Dank der Snowdon Mountain Railway, einer kleinen, über 100 Jahre alten, Zahnradbahn, hat einjeder die Möglichkeit die schwindelerregenden Ausblicke zu genießen. Von Llanberis Station geht es mit einer Geschwindigkeit von nicht mehr als sieben Stundenkilometern in die 7,5 Kilometer luftige Höhe. Sogar ein Café gibt es auf der Bergspitze, in dem sich Passagiere, je nach Witterung, entweder aufwärmen oder abkühlen können.

Wer Snowdonia so haut- und naturnah wie möglich erleben möchte, der sollte nach kleinen Camping Schildern Ausschau halten. Örtliche Farmer bieten oftmals einen Teil ihrer Felder und Wiesen zur Übernachtung an. Diese privaten Zeltplätze, komplett mit WC, Dusche und Abwaschmöglichkeiten, sind nicht nur günstig, sondern auch gemütlich. Zudem geben sie einen wunderbaren Einblick in den hiesigen Alltag traditioneller Landwirtschaft. Wir nutzen jede Gelegenheit, um mit der freundlichen Bauernfamilie ins Gespräch zu kommen. Wenn auch nur um dem Klang ihres walisischen Akzenten zu lauschen.

Tipps & Hinweise: Hier noch ein paar nützliche und interessante Informationen

Info Snowdonia National Park Authority Link öffnet in neues Fenster www.eryri-npa.co.uk

Literatur & Kultur Leider ist es nie ins Deutsche übersetzt worden, doch es lohnt sich zu versuchen I Bought A Mountain von Thomas Firbank auf Englisch zu lesen. Erstmals veröffentlicht im Jahre 1940, beschreibt der Autor, mit viel Humor und Poesie, sein neues Leben als Schafsbauer am Fuße des Snowdon Gipfels. Erhältlich ist das Buch unter anderem bei Amazon.


© 2009 Reisebasar.de/ Text: Andrea Storr, Fotos: Crown copyright (2009) Visit Wales

Andrea Storr, M.A. ist freie Journalistin für den deutschen und englischen Zeitschriftenmarkt, angehende Schriftstellerin und leidenschaftliche Reisende. Sie lebt in London und Hamburg und schreibt diese Berichte exklusiv für Reisebasar.de.


Weitere Berichte von Andrea Storr, M.A.:




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