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Reisen wie der Bey von Tunisvon Amor Ben Hamida
Dieses uralte, Diesel betriebene Gefährt wurde 1940 von der französischen Kolonialmacht dem Bey von Tunis, dem damaligen “Herrscher” des Landes (in Anführungs- und Schlusszeichen, weil er de facto nicht herrschte, sondern nur unterschrieb, was ihm die Kolonialmacht vorsetzte), geschenkt. Es erinnert ein Bisschen an Agatha Christies “Tod im Orient Express”. Dann heisst es einsteigen. Ein junger Uniformierter steht stolz vor seinem Zug und hilft gelegentlich älteren Herrschaften, die hohen Tritte zu schaffen. Ich verwickle ihn in ein Gespräch, denn bis zur fahrplanmässigen Abfahrt dauert es noch eine halbe Stunde. Wir plaudern. Mir fallen viele Amerikaner auf, ausnahmslos ältere Menschen. Ich frage den jungen Angestellten, wie es mit der Sicherheit sei. Wie um mich zu beruhigen, flüstert er mir fast vertraulich zu, dass die Polizei mitreist, dass Zivilpolizisten – vor allem, wenn es amerikanische oder britische Gäste gibt – einen halben Wagen füllten. Es beruhigt mich. Dann, erstaunlich pünktlich, pfeift ein Mann mit Uniform und Mütze, und der Zug setzt sich einige Minuten später ruckartig in Bewegung. Er fährt langsam, sehr langsam, mitten durch das Dorf. Keine Schranken, keine Ampeln, nur das Pfeifen des Zuges warnt Fussgänger und Autofahrer, Esel und Hühner vor seiner Ankunft. Es ist eine Unwahrheit, dass Japaner die fleissigsten Knipser sind. Jeder Fahrgast zieht mindestens einen Fotoapparat aus dem Gepäck und hält mit oder ohne Zoom dieses Ereignis fest. Plötzlich rennen Kinder ganz nahe an den Schienen herum und winken und fuchteln. Ich winke dem einen oder anderen zurück. Auch das erinnert mich an Agatha Christie, aber diesmal an „Tod auf dem Nil“… Ihre Schritte werden mit der zunehmenden Geschwindigkeit des Zuges immer schneller, der Zugführer lässt die Sirene öfter heulen, und da verstehe ich: die Kinder winken nicht, sie verlangen nach etwas, ich sehe, wie sie gelegentlich etwas auflesen, Geld oder Bonbons. Die Touristen werfen ihnen doch tatsächlich Dinge zu, so dass sie – die Kinder – in halsbrecherischen, gefährlichen Aktionen das Geworfene aufheben und dann weiter rennen, um mehr zu ergattern. Ich sehe, wie Erwachsene an den Mädchen und Buben vorbeigehen, ohne ein Wort zu sagen. Ein Kind kommt an einem Abhang sehr nahe an den fahrenden Zug heran und ich hoffe, dass es nicht ausrutschen und unter die Räder geraten würde. Die Fahrt geht nun ausserhalb des Dorfes Métlaoui weiter und die Landschaft wird zu einer Steppe, karg und braun gebrannt, fast so braun wie ihre Bewohner. Gelegentlich sehe ich ein Häuschen oder ein paar Tiere, ein ratterndes Motorrad auf der Piste, dessen Geräusch ich nur vermute, denn der Lärm des Zuges bei offenen Fenstern übertönt die Aussenwelt. Dann einige Hügel, ein paar Kurven und danach schon fast kleine Berge. Der Zug schlängelt sich durch Klüfte und um Erhebungen herum, bis eine faszinierende, nicht vermutete Landschaft auftaucht. Tiefe Schluchten und Canyons, dazwischen ein kleines Gerinnsel, das mit grauem Schlamm versetzt zäh vor sich hin fliesst. Die meisten Touristen ahnen – weil man es ihnen vielleicht zuvor verraten hat – dass dieser Dreck im Wasser aus den Phosphatminen stammt. Wenn auf dieser Strecke nicht gerade Touristen gefahren werden, dann wird Phosphat transportiert, dessen Abbau weiter oben stattfindet. Nun wird die Strecke gefährlich: kleine Tunnels, nur einige Hundert Meter lang, in der Breite sehr knapp bemessen, unterbrechen das grelle Licht der Sonne. Ein Halt. Knipsen und Filmen sind angesagt, denn die Umgebung gleicht nun einer unwirklichen Landschaft. Nach ziemlich genau einer Stunde kommt der Zug in Thelja an. Ich frage den jungen Kellner, der Kaffee und jede Menge Chipssorten verkauft, wieso es Thelja heisst (die verschneite oder die vereiste, jedenfalls hat der Name mit Schnee zu tun). Und er antwortet mir: “Es heisst so, was weiss ich warum.” Er scheint nicht von hier zu sein und ich nehme mir vor, einen anderen Experten zu fragen.
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