Sie befinden sich hier:  Startseite / Magazin / ReiseMagazin / Reisen & Religion - Pilgern & Wallfahrten im ...  
 

Themen

Veranstalter

Ziele

Schnellsuche













ReiseMagazin

Ein Tag in Wien
von Ines Käflein
"Zum Dessert sollte man allerdings wieder ins 19. Jahrhundert zurückkehren und in einem der Wiener Kaffeehäuser eine heiße Melange mit Schlagobers (Schlagsahne) und ein Stück Sachertorte genießen."

Shanghai - Globalisierung im Reich der Mitte
von Fredy P. Weber
"Zählt man die internationalen Restaurants (vornehmlich im neuen Pudong zu finden) noch hinzu, ist fast die halbe kulinarische weltweite Vielfalt in Shanghai zu finden. Und das ist nicht übertrieben."

Pilgertum und Wallfahrt in Indien
von Stefan Peichl
"Das indische Wort für Wallfahrt ist der aus dem Sanskrit stammende Begriff tirtha yatra. Tirtha bedeutet wörtlich „Furt“, also eine flache Stelle in einem Fluss; yatra ist der Weg."

* mehr ...

 

Reisen & Religion - Pilgern & Wallfahrten im Christentum

von Stefan Peichl


    Pilgerreisen wie Wallfahrten haben in fast allen Religionen eine große und lange Tradition. Schon bei den Griechen in der Antike war der Tempel der Artemis in Ephesos ein berühmter Wallfahrtsort, die Römer reisten zu weit entfernten Tempeln, die Germanen suchten heilige Haine auf und auch bei anderen Kulturen galten schon vor langer Zeit besondere Höhlen, Hügel oder bestimmte Stellen an einem Fluss als heilig. Weitere Ziele konnten und können Reliquien, Gräber und Heiligenbilder sein.
    Die Heiligkeit des Bodens ist ein wesentliches Merkmal für einen jeden Pilger- oder Wallfahrtsort. Für die Gläubigen sind es ganz besondere Orte, weil dort die übernatürliche göttliche Macht ihre Kraft in einem besonderem Maße entfaltet hat, und weil man davon ausgeht, dass diese einst manifestierte Kraft auch heute noch eine positive Wirkung besitzt.
Im Islam ist der wichtigste dieser Orte Mekka, die Geburtsstadt des Propheten, für viele Hindus ist es Varanasi (auch Benares genannt) am Ganges und für Buddhisten und Christen sind es die bedeutenden Lebensstationen von Buddha bzw.  Jesus. In der katholischen Kirche haben außerdem Wallfahrten zu Orten von Marien-Erscheinungen eine große Anziehungskraft.
    Und auch Mitglieder protestantischer Kirchen, die den Wallfahrtsbrauch (offiziell) nicht kennen, lassen sich nicht davon abhalten, aus Glaubensgründen z.B. die Lutherstadt Wittenberg oder die Wartburg zu besuchen.

Peregrinus = Der Pilger

    Der Begriff „Pilger“ ist abgeleitet vom lateinischen Wort peregrinus (dt. „Fremder“ im Sinne von Nicht-Römer), welches dann von der Kirche zu pelegrinus umgewandelt wurde und fortan eine Person bezeichnete, die aus religiösen Gründen in die Fremde geht, um eine Pilgerreise zu unternehmen, zu Fuß oder auch unter Verwendung eines Verkehrsmittels.
    Das Wort Wallfahrt geht auf das mittelhochdeutsche „wallen“ zurück, d.h.  in eine bestimmte Richtung ziehen oder fahren, also unterwegs sein. Eine religiöse Bedeutung des Begriffes ist erstmals in einem Text von ca. 1300 nachweisbar, wo „Wallevart“ gleichbedeutend mit „Betevart“ (Bittfahrt, Bittgang) gebraucht wird.
    Im Gegensatz zur Pilgerreise versteht man unter Wallfahrten gemeinschaftliche und damit als Prozession angelegte Buß- und Bittgänge zu einer Gnadenstätte, die in gewissen Abständen, meist jährlich und zu einem bestimmten Zeitpunkt, unternommen werden. Während eine Wallfahrt also ein organisiertes Gruppenereignis darstellt, gehört die Pilgerreise eher zur Privatfrömmigkeit - was aber nicht ausschließt, dass einzelne Wallfahrer an ihrer Wallfahrt mit Pilgergesinnung teilnehmen. Wenig schlüssig ist der Versuch der Begriffsabgrenzung, welcher sich auf die Dauer und Länge der Reise bezieht.
    Gewöhnlich wird zwischen „Pilgern“ und „Wallfahren“ jedoch nicht differenziert, vielmehr werden beide Begriffe synonym benutzt.

Bedeutung und Motivation

    Pilger- und Wallfahrtsorte haben ihre besondere Bedeutung für die Religion, die Kirche und die Pilger aufgrund der Heiligkeit des Bodens, auf dem sie sich befinden. Es handelt sich um Orte, an denen das Göttliche seine Kraft und seine Gnade in einem ganz besonderen Maße entfaltet hat, auch in Form von Heilungen und anderen Wundern. Die Kraft, die von diesen heiligen Stätten ausstrahlt, ist jedoch mehr als nur Wunder- und Heilungskraft, sie ist vor allem Glaubenskraft. So erhoffen sich die Gläubigen von einem Besuch meist weniger Heilung des Leibes und der Seele, als vielmehr eine Stärkung des Glaubens.
Es ist jedoch nicht nur der direkte Kontakt mit dem heiligen Boden, der einer solchen Reise ihre Bedeutung verleiht. Bereits der heilige Hieronymus (347-419 n.Chr.) zählte zwei weitere Arten der Begegnung auf, die für das „rechte Pilgern“ und die „rechte Lebensweise“ von großer Bedeutung sind: die Begegnung mit dem Land und die Begegnung mit den Menschen.

    Ein weiterer wichtiger Punkt ergibt sich aus der zumeist sehr großen Entfernung zwischen dem Heimatort und dem Pilger- bzw.  Wallfahrtsziel (besonders Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela). Man muss seine alltägliche und vertraute Welt verlassen - Mönche und Nonnen ihr Kloster, Herrscher ihren Hofstaat, „normale“ Menschen ihre Arbeit, Häuser und Familie, also das profane Leben - und begibt sich stattdessen auf einen langen und beschwerlichen Weg, hin zu einem fernen Ziel in der Fremde. Losgelöst von sozialen Bindungen, Problemen wie Sicherheiten, unterstützt das Fremd-Sein die besonderen Erfahrungen während der Reise in hohem Maße. Dabei spielt es keine Rolle, ob man die Reise in erster Linie als zu ertragende Last oder als Medium zur Öffnung des Geistes empfindet. Letztendlich ist es die besondere Art der Hingabe, die als Weg zum Heil und zur Heilung gesehen wird.

Rites de passage

    Ethnologen nennen solche Abläufe mit verschiedenen Stadien „Rites de passage“ (Übergangsriten): Man verlässt den homogenen Raum der Heimat, um über den heterogenen Raum der Fremde dem heiligen Raum als Ziel näher zu kommen.
    Dabei beinhaltet der Pilgerweg, also die Reisestrecke, welche die Pilger zurücklegen, um an das Ziel, den heiligen Ort, zu gelangen, verschiedene Stationen zum Innehalten, an denen Gebete gesprochen oder Gottesdienste gefeiert werden können. Mit jeder weiteren Etappe erreicht der Pilger nicht nur mehr Abstand, räumlich wie geistig, zu seiner alltäglichen Welt und eine zunehmende Nähe zum Ziel, dem heiligen Boden, sondern auch eine größere Tiefe während seines Gebets.

Zudem wird im Juden- wie im Christentum der Mensch als homo viator gesehen. Er ist immer auf dem Weg, hat nur selten Zeit sich auszuruhen, er ist auf Erden fremd und sucht nach Erlösung. Der Pilger verfolgt seinen Weg zielgerichtet, und sein Ziel ist es, das dem Weg seinen besonderen Sinn verleiht. So werden Wallfahrten heute gewöhnlich als symbolhafte Darstellung der Lebensreise aufgefasst. Und der Aufenthalt an einem fremden (heiligen) Ort, das hat sich seit Jahrhunderten bestätigt, öffnet vielen Menschen bisher verschlossene Bereiche ihres Seelenlebens.

    Manche Pilger begeben sich auf eine Pilger- oder Wallfahrt, weil sich bei ihnen ganz einfach das Bedürfnis entwickelt hat, auf den Spuren des Herrn zu wandeln und die alten religiösen Orte zu besuchen. Andere haben auch einen konkreten persönlichen Beweggrund dafür: Das kann eine selbst auferlegte Buße sein oder das Bemühen, die eigenen Sünden zu verringern, die Erfüllung eines Gelübdes, die Hoffnung auf Gebetserhörung in einem bestimmten Anliegen oder eben auch die Hoffnung auf Heilung von einer Krankheit, religiöse Vertiefung oder der Wunsch, seinem Dank eine entsprechende Form und Tiefe zu geben.
Und für die allermeisten Wallfahrer ist die Reise auch ein wichtiges soziales Ereignis. Sie führt zu neuen Begegnungen und einem Austausch zwischen Gläubigen, die sich sonst wahrscheinlich nie getroffen hätten.

    Nach dem II. Vatikanischen Konzil (1962-65) sind Pilger- und Wallfahrten nicht nur äußere Frömmigkeitsformen, sondern geradezu Zeichen eines entscheidenden Wesenszugs der Kirche. Sowohl das Fremdsein wie auch die Gastfreundschaft, die man in der Ferne erfährt, sind charakteristisch für das Christentum. Für die Kirche gilt das Pilgern außerdem als ein Symbol für ihre eigene, stetige und andauernde Erneuerung.

Die Haltung der Kirche

    Im Christentum ist die Wallfahrt die bis heute gültige und kirchlich organisierte Form des frommen Reisens, gehört aber nicht zu ihren Geboten (wie z.B. im Judentum und im Islam).
Im Mittelalter galt die christliche Wallfahrt allerdings als ein Glaubenszeugnis und sicherte der Kirche dank der Ablassbriefe sichere Einkünfte.

    Auf der anderen Seite gab es auch immer wieder kritische Töne von Seiten der Kirchenväter, das ganze Mittelalter über, zu Zeiten der Reformation und auch wieder im 18. Jahrhundert. Man sorgte sich zum Beispiel um eventuelle negative Auswirkungen des In-der-Ferne-Weilens. Ein Lösungsversuch dieses Dilemmas stammt von Bernhard von Clairvaux (um 1115), der eine ideale Einstellung für diese Reisen proklamierte: neben dem Flussbett laufen, den ganzen Tag fortschreiten, nichts zu tief betrachten und nicht sehen, was zu sehen ist.
Andere Kritiker bezogen sich auf Hieronymus, der den Vorrang der persönlichen spirituellen Einstellung vor der physischen Ferne betonte: Man dürfe eine Reise ins Heilige Land nicht überbewerten, da Gott nicht an bestimmten Orten besonders wirksam sei. Nicht in Jerusalem gewesen zu sein, sei lobenswert, sondern in Jerusalem (und nicht nur dort) in rechter Weise gelebt zu haben.


Die Ursprünge

    Seit dem 4. Jh., auch das geht aus den Aufzeichnungen von Hieronymus hervor, ist das Pilgern Teil der christlichen Liturgie und damit christlicher Brauch, zuvor galt es als heidnisch. Bis zur ersten Jahrtausendwende gab es das Lebensideal der ziellosen und asketischen peregrinatio, fern der Heimat und in unbekannten Gegenden (wie es z.B. in Indien heute noch anzutreffen ist). Am besten verkörpert wurde dieses Ideal, das als Nachfolge Christi verstanden wurde, von den irischen Mönchen dieser Zeit. Ferne und Fremde galten als spirituelle Werte an sich.

Pilgerreisen im Mittelalter

    Waren es anfangs nur Mönche, die sich auf eine solche Reise gemacht hatten, kamen mit der Zeit auch religiöse Würdenträger und Missionare, Herrscher mit ihrem Gefolge sowie reiche Kaufleute hinzu. Doch war das Reisen in dieser Zeit noch eine äußerst privilegierte Angelegenheit. Für das „gewöhnliche Volk“ war es nur sehr selten möglich, Haus und Hof, den Beruf und die Familie für längere Zeit zu verlassen. Im Gegensatz zur heutigen Zeit war das Reisen damals außerdem noch enorm beschwerlich, da man den weiten – und bisweilen gefährlichen - Weg mit der eigenen Kutsche, der Postkutsche, zu Pferd oder eben zu Fuß zurücklegen musste. Aber auch schon im Mittelalter war für die leiblichen Bedürfnisse während dieser Zeit gesorgt, da entlang der Routen feste Einrichtungen zur Versorgung der Pilger entstanden waren, welche zum Großteil von Bruderschaften geführt wurden.


Jerusalem

    Einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte der Welt ist seit dem Bau des ersten israelitischen Tempels und bis heute Jerusalem, das zum zentralen Heiligtum der Juden wurde. Heute ist die Stadt allen drei monotheistischen Weltreligionen heilig, den Juden wie - als Ort des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu Christi - den Christen. Und auch Muslime besuchen, neben den Wallfahrten nach Mekka und Medina, bevorzugt den Felsendom in Jerusalem, da Jesus auch im Islam als Prophet gilt.
    Aber für Juden und Christen ist Jerusalem zudem das Zentrum des gelobten Landes, des Landes, das Gott unter allen Ländern ausgesucht hat. Nur hier hat sich die Heilsgeschichte mit ihren zahlreichen Gottes-Erscheinungen (Theophanien) und Heilstaten ereignet.
Für das Christentum war die Nachricht vom Fund der Kreuzreliquien im 4. Jahrhundert von großer Bedeutung, da auch den Reliquien übernatürliche Kräfte beigemessen wurde, nämlich Heilung und Erlösung. Daraufhin entstand in Jerusalem schon im 4. und 5. Jh. ein einzigartiges Christen- und auch Mönchstum mit einer Ortskirche von internationalem Charakter und Gottesdiensten, in denen mehrere Sprachen gesprochen wurden.
    Aus dieser frühen Zeit, nämlich aus dem Jahr 333, stammt die erste schriftlich dokumentierte Pilgerreise: sie führte über den Landweg von Bordeaux nach Jerusalem und ist im Itinerarium Burdigalense, einem auf Latein verfassten Reisehandbuch mit Angaben der Etappen, festgehalten. Auch noch im frühen Mittelalter hatten die meisten christlichen Wallfahrten das Heilige Land zum Ziel.

    Es war ein Weg der Buße und man konnte für sein eigenes Seelenheil vorsorgen, um am Ende des Lebens das höchste Ziel, die himmlische Gnadenfülle im Jenseits, zu erreichen. So soll es im Jahr 1065 unter der Führung von Bischof Günther aus Bamberg einen Pilgerzug mit 12.000 Teilnehmern gegeben haben.
    Und auch die Kreuzzüge dorthin können als eine Form der Wallfahrt gesehen werden. Allerdings war Jerusalem zum Zeitpunkt des Aufrufs zum Kreuzzug im Jahr 1095 bereits im Besitz der Seldschuken (seit 1071), welche die christlichen Pilger weitgehend ungestört gewähren ließen. Nach langjähriger Vorarbeit übernahmen dann im Jahre 1316 die Franziskaner die Betreuung der heiligen Stätten. Dies führte zu einer Reorganisation des Pilgerverkehrs und zu einer Erneuerung des Wallfahrtgedankens.
    Nach Berichten aus dem späten und dem Hochmittelalter wurden Pilgerreisen nach Jerusalem meist per Schiff unternommen, welche bis zu 6 Wochen dauern konnten. Landreiseberichte um das Mittelmeer herum waren zwar ebenfalls organisiert, sind aber nur selten erwähnt. Diese führten über Polen und die Walachei in die Türkei und nach kurzem Übersetzen nach Damaskus schließlich nach Jerusalem. Als Variation gab es auch die Möglichkeit einer Fußreise durch Europa, um dann von Venedig oder Marseille aus nach Jaffa überzusetzen.
In Jerusalem angekommen, so ein Bericht von Rabbi Joseph Schwarz aus dem Jahr 1845, zogen viele Pilger mit einer Karawane über Damaskus durch die syrische Wüste und über die Stadt Hitt am Euphrat weiter nach Bagdad.
    Als sich die Christen schließlich aus Jerusalem zurückziehen mussten und die Araber die Herrschaft übernahmen, traten Reliquien, Wunderbilder und Gräber von Heiligen, die sich in erreichbarer Nähe befanden, in den Vordergrund.


Rom

    Im Mittelalter erlangte auch bald Rom, Grabstädte der Apostel Petrus und Paulus, eine ähnlich große Bedeutung wie Jerusalem, und auch Santiago de Compostela entwickelte sich zu einem wichtigen christlichen Pilgerort, nicht zuletzt da es über eine hervorragende Infrastruktur mit einem dichten Netz von Herbergen verfügte. Aber auch in Rom gab es verschiedene Unterbringungsmöglichkeiten, wobei diese nach Nationen geordnet waren. Das größte Hospiz konnte in „heiligen Jahren“ bis zu 500.000 Menschen beherbergen.
    Die heiligen Jahre, die im Jahr 1300 von Papst Bonifaz VIII eingeführt wurden, fanden zunächst alle 100 Jahre, später alle 25 Jahre statt. Seit dieser Zeit war es denn auch möglich Ablassbriefe zu ersteigern, was die Attraktivität einer Pilgerreise nach Rom deutlich erhöhte.
Bereits im 12. Jahrhundert wurden mit den Mirabilia urbis Romanae die ersten Pilgerführer für Rom geschrieben, die meistens und vor allem als Stadtführer dienten und ab dem 15. Jahrhundert auch gedruckt werden konnten. Ab Ende des 16. Jahrhunderts wurden Pilgerführer sogar als eigenständiges literarisches Genre geführt.
    Der Weg eines mittelalterlichen Rom-Pilgers führte - wohlgemerkt per Kutsche, Pferd oder zu Fuß – durch die Schweiz und über den Brenner nach Bologna. Von hier aus konnte man zwischen zwei Routen wählen: über Florenz nach Rom oder weiter durch den Kirchenstaat, über Ancona und den Gnadenort Loreto nach Süden und dann schließlich über Foligno nach Rom.
    Dort angekommen, war dem Pilger mehr oder weniger ein spirituelles Programm vorgeschrieben. Dazu gehörte der Besuch von verschiedenen Kirchen, um die Ablassbriefe zu erlangen, welche himmlischen Lohn und Absolution, also Freisprechung von Sünden, Schuld und Strafe, versprachen. Der Besuch von weiteren sieben Kirchen war ebenfalls vorgeschrieben. Außerdem musste man die Heilige Treppe auf Knien hinaufrutschen und den geistlichen Würdenträger Roms Devotionalien (religiöse Geschenke) überbringen, wie z.B. Rosenkränze, Bilder und Statuen.
    Auch Fußwaschungen und Speisungen durch den Papst selbst oder durch einen seiner Kardinäle sind in diesem Zusammenhang erwähnt.
Ab Ende des 17. Jahrhunderts, nach verschiedenen Kriegen und im Zuge der Reformation, nahmen die Pilgerfahrten nach Rom allerdings wieder ab.


Santiago de Compostela

    Wie Rom besitzt auch Santiago de Compostela ein Apostelgrab, das im 9. Jh. wiederentdeckt wurde: hier soll ca. 44 n.Chr. Jakobus der Ältere begraben worden sein. Ab dem 12. Jh. zählte der Ort zu den wichtigsten Pilgerstätten des Christentums, zu den peregrinationes maiores. Wie Rom wurde auch Santiago aufgesucht, weil durch den Apostel eine gewisse Nähe zu den Ursprüngen der Religion gegeben war. Darüber hinaus kam Santiago schon immer den Bedürfnissen der    Volksfrömmigkeit entgegen: Dadurch, dass Rom weit weg war, war auch die Hierarchie der Kirche nicht so stark vertreten und Santiago war damit volksnäher.
    Die Reiseroute führte über Frankreich und die Pyrenäen nach Spanien, und wurde bald zum berühmtesten Pilgerweg des Christentums, dem Jakobsweg, der auch heute noch von großer Bedeutung ist. Schon im Hochmittelalter wurden die Wege für die Pilger ständig verbessert, es wurden Straßen und Brücken gebaut, Hospize und Herbergen gegründet. Für den Pilger gab es eine spezielle Kluft, die ihn als solchen erkennen ließ, die Pelerine mit der Jakobsmuschel.

    Insgesamt bildeten die großen und kleinen Pilgerwege mit ihren Verbindungen und Zuwegen im Mittelalter ein richtiges Netz, das sich über ganz Europa erstreckte. Dieses wurde ab Ende des 17. Jahrhunderts auch zunehmend für Bildungsreisen oder für kombinierte Reisen genutzt. Allerdings wurde zu Anfang des 19. Jahrhunderts aufgrund von Kriegen fast die ganze Infrastruktur wieder zerstört, Hospize und Herbergen existierten nicht mehr in dem Umfang und zahlreiche Bruderschaften lösten sich auf. Dadurch änderten sich auch die Reisegewohnheiten, und Wallfahrten in der näheren Umgebung ersetzten die großen Pilgerfahrten.


Reformation

    Für Martin Luther und auch für die beiden anderen großen Reformatoren Zwingli und Calvin galten das Pilgerwesen und der damals damit verbundene Ablasshandel als reiner Aberglaube. Während die katholische Kirche am alten Brauch festhielt und diesen weiterhin förderte, auch um sich gegen die Protestanten abzugrenzen, wandten sich die großen reformatoren eindeutig dagegen. Als Norwegen im 16. Jh. den Protestantismus annahm, wurde dort das Pilgern sogar unter Todesstrafe gestellt.

Pilgerreisen und Wallfahrt in der Neuzeit

    Schon im Verlauf des Spätmittelalters wuchs die Bedeutung von regionalen Kultorten stetig an. Diese befanden sich meist am Rand der großen Pilgerrouten und profitierten zusätzlich von der Zerstörung der Hauptwege durch den 30jährigen Krieg und die Französische Revolution. Durch den Einfluss der Reformation kam es zusätzlich zu Schwierigkeiten durch Herrschaftsgebiete mit verschiedenen Konfessionen.

    Ab Mitte des 18. Jahrhunderts versuchten kirchliche wie weltliche Behörden gegen Prozessionen vorzugehen. (Kirchliche) Aufklärung, Merkantilismus und Säkularisierungstendenzen führten dieser Tradition noch größere Schäden zu.
    Aus diesen Gründen erweiterte dann auch die Kirche ihre Gnadenangebote, und so genannte Sekundär-Heiligtümer wie Aachen und Maria-Einsiedeln ersetzten die Hauptwallfahrten nach Rom oder Santiago. Somit wurde auch die lange Reise, um evtl.  Ablässe zu erwerben, relativ bedeutungslos. Zusätzlich entwickelten sich auch Wallfahrten zu Orten, die nicht durch die katholische Kirchenführung autorisiert waren.

    Seit Beginn des 19. Jahrhunderts kann eine Wiederbelebung der traditionellen Wallfahrt festgestellt werden, und internationale Marienwallfahrtsorte wie Lourdes und Banneux (Frankreich), Fátima (Portugal) und Guadalupe Hidalgo (Mexiko) kamen als weitere Pilgerziele hinzu. Diese waren mit den neuen Transportmitteln wie Eisenbahn und Dampfschiff relativ schnell, bequem und sicher zu erreichen.
Nach Lourdes rollen seit 1879 Sonderzüge, die Pilger und Kranke transportieren. Nachdem Walldürn 1886 an die Eisenbahn angeschlossen war, begann eine bis heute anhaltende Entwicklung in Richtung Großwallfahrt, und auch in Altötting ist seit der Anbindung an die Schiene 1897 ein regelrechter Ansturm zu verzeichnen.

    Im 18. und 19. Jahrhundert waren „Fahren“ und „zu Fuß“ keine sich ausschließenden oder qualitativ verschiedenen Formen, um ferne religiöse Ziele zu erreichen. In gleichem Maße wie aber die Pilgerreisen per Zug zunahmen, gerieten die Fußprozessionen in den Hintergrund. Bis zum 1. Weltkrieg verschwanden viele ganz, und nur einzelne besondere Traditionsveranstaltungen überlebten. Nach einer kurzen Erholungsphase zwischen den Kriegen waren sie dann unter der Nazi-Herrschaft gänzlich verboten. In den Wirtschaftswunderjahren nach dem 2. Weltkrieg verursachte der Omnibus-Tourismus dann ein weiteres Tief für Fußprozessionen. Für die absoluten Besucherzahlen waren die neuen Reisemöglichkeiten aber ein wahrer Segen.

Pilgern und Wallfahren heute

    Heute gibt es unzählige Pilgerorte, Schätzungen nach sind es ca. 10.000. Und Dank der modernen Reisemöglichkeiten lassen sich auch Jerusalem und Rom wieder schnell und bequem erreichen. Den Weg möglichst schnell hinter sich zu bringen, war jedoch noch nie der Sinn einer solchen religiös motivierten Reise. Während man früher gezwungenermaßen unter großer Mühe und zahlreichen Gefahren die Faszinationen der fremden Gegend auf sich wirken lassen „musste“, laufen heutige Pilgerreisen und Wallfahrten, meist acht Tage in Hast und Eile, Gefahr banalisiert zu werden. Für die Erfahrung ist es nicht wichtig alles gesehen zu haben, sondern eine Beziehung zum Land und den Menschen aufgebaut zu haben.

    Dies wird in Jerusalem heutzutage eher erschwert, und viele Besucher dürften von der Grabeskirche geradezu schockiert sein: Anstatt Zeichen eines gemeinsamen Glaubens zu sein, diskutiert man über die Besitzverhältnisse und gibt auch sonst vor allem Zeugnis für die Zerstrittenheit der verschiedenen Parteien. Doppelt gespalten, in Universal- und orthodoxe Kirche sowie in fünf Untergruppen auf lokaler Ebene, die sich das Gebäude teilen, ist es nicht möglich, gemeinsam Gottesdienste zu feiern. So kann der Besucher kaum direkten Kontakt zur Ortskirche und den lokale Christen bekommen, und meist lernen die Pilger so auch nur den äußeren Kreis der abendländischen Institutionen kennen.

    Auch auf diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass in zunehmendem Maße die Fußwallfahrten wie der Jakobsweg wiederentdeckt werden. Ebenfalls förderlich wirkten sich das Interesse der Medien und der allgemeine Trend zur Fitness (Wandern, Nordic Walking, Joggen, Fahrradfahren etc.) aus. Während das Wallfahrtsziel seine Bedeutung als heiligem Ort, und vor allem als Ort der Wunder, heute tendenziell eher verloren hat, werden bei den Wallfahrten zu Fuß besonders die eigenen Opfer geschätzt. Eine Fußwallfahrt bedeutet nicht nur eine gewisse sportliche Herausforderung (bis 40 km/Tag), sondern beansprucht auch einen Teil des Urlaubs. Außerdem hat eine Entwicklung vom früheren Müssen zum Durchhalten-Wollen stattgefunden. Und selbst Pilger, die davon ausgehen müssen, dass ihre Kräfte nicht unbedingt ausreichen, wie z.B. Kinder, Senioren und Behinderte, können dennoch an jeder (größeren) Prozession teilnehmen: Begleitomnibusse entlasten, indem sie das Gepäck und für Teilstrecken auch Personen aufnehmen können.

    Außerdem wird eine solche Fußwallfahrt, emotional gesehen, als willkommenes Kontrasterlebnis zur negativ empfundenen Leistungs- und Konsumgesellschaft gesehen, bietet sie doch stattdessen ein außerordentliches Maß an (Mit-)Menschlichkeit. Der Weg ist nun, zusammen mit dem Gruppenerlebnis, tatsächlich auch das Ziel. Das Votivwesen existiert parallel dazu zwar auch noch, die eigentliche Attraktivität geht jedoch vom sozialen Gehalt aus.


---
© 2007 Reisebasar.de, Text & Fotos: Stefan Peichl

Stefan Peichl, M.A. ist Indologe und Ethnologe und hat an der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg studiert. Er reist leidenschaftlich gerne und fühlt sich in gediegenen Regionen am liebsten.


Weitere Berichte von Stefan Peichl:




Symbol RSS Feed   RSS Feed ReiseMagazin

zurück zur Übersicht

 

ReiseNews

  • Frankreich: Ideen, Kunsthandwerk und kulinarische Spezialitäten im Elsass

    (16.11.2016) Wer nicht im letzten Moment noch auf der Suche nach

    * mehr ...

  • Frankreich: Beliebte Weihnachtsmärkte im Elsass

    (16.11.2016) Es ist wieder so weit, bald brennen im Elsass die Lichter

    * mehr ...

  • Skiurlaub: Größtes Skigebiet der Welt jetzt auch bei Neckermann Reisen

    (15.11.2016) Frankreich bietet das größte Skigebiet der

    * mehr ...

Alle ReiseNews

Last Minute

- Mallorca ab 235,-
- Gran Canaria ab 320,-

? Last Minute Aktuell

Reiseveranstalter im Preisvergleich

* mehr ...

Reisebüro

Unser Büro ist täglich für Sie geöffnet.

Service-Center-Logo

* mehr ...

Web 2.0

Folgen Sie unseren News auf Twitter

Reisebasar.de Videos auf  Youtube

Freunde bei Facebook
---

* mehr ...