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Pilgertum und Wallfahrt in Indien
von Stefan Peichl
"Das indische Wort für Wallfahrt ist der aus dem Sanskrit stammende Begriff tirtha yatra. Tirtha bedeutet wörtlich „Furt“, also eine flache Stelle in einem Fluss; yatra ist der Weg."
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Pilgertum und Wallfahrt in Indien
von Stefan Peichl
Zwar gibt es auch im Christentum und im Islam verschiedene Richtungen und Schulen (z.B. die katholische, evangelische und orthodoxe Kirche bzw. Sunniten und Schiiten als gröbste Unterteilungen), doch erscheinen diese beiden Religionen im Vergleich zum Hinduismus als höchst einheitlich. Der Hinduismus ist ein wahrhaft multikulturelles Gebilde, das nahezu alles mitein- und fast nichts ausschließt und in dem es keine Instanz gibt – wie für Christen die Bibel oder der Koran für Muslime-, die für alle verbindlich ist. Als Folge gibt es für religiöse Fragen keine allgemein anerkannte Quelle, sondern viele Ordnungen und Hierarchien, große, mittlere und kleine Traditionen, mit unterschiedlichen Texten und Philosophien existieren mit- und nebeneinander.
Wie auch im christlichen Glauben, gab es im Hinduismus immer wieder Stimmen, welche die Bedeutung von Pilgerreisen und Wallfahrten absolut in Frage stellten, darunter einer der wichtigsten indischen Philosophen: Shankara (ca. 788-820 n. Chr.). Nach seiner Lehre ist die äußere Welt (inklusive der Pilger- und Wallfahrtsorte) eine bloße Illusion, Befreiung aus dem Wesenkreislauf (samsara) sei nur durch die spirituelle Erkenntnis des wirklichen Ewigen möglich, nämlich der Erkenntnis von „Einzelseele“ (atman) und „Weltseele“ (brahman).
 Benares, Dashashvamedh - Ghat Foto: Stefan Peichl
Ursprung und Geschichte
Das indische Wort für Wallfahrt ist der aus dem Sanskrit stammende Begriff tirtha yatra. Tirtha bedeutet wörtlich „Furt“, also eine flache Stelle in einem Fluss; yatra ist der Weg. Bekannt ist diese Frömmigkeitsform in Indien seit der Zeit des "Mahabharata", dem größten Epos des Landes, das zwischen 400 v.Chr. und 400 n.Chr. entstand und noch heute zur Belehrung, Erbauung und Unterhaltung dient. Unklar ist, ob Wallfahrten und Pilgerreisen aus dem früheren yajna, dem altindischen vedischen Opfer hervorgingen, oder ob sie dieses allmählich ersetzten, weil es enorm komplex und damit auch sehr teuer war. Im Mahabarata wird die Ansicht vertreten, dass Opfer und Wallfahrt gleichgestellt sind. In den späteren Puranas (ca. 400-1000 n.Chr.) gilt dagegen eine Wallfahrt als wichtiger. Dabei darf nicht vergessen werden, dass auch bei Wallfahrten das Opfern eine besondere Rolle spielt: so ist es für Pilger eine Pflicht, an bestimmten Orten den Vorfahren zu opfern (shraddha), und zahlreiche Orte wurden erst dadurch heilig, weil dort von einem Gott ein Opfer dargebracht wurde.
Generell gibt es in Indien keine Pflicht zum Pilgern und Wallfahren, es gilt vielmehr als ein freiwilliges und persönliches Unterfangen.
Die meisten Wallfahrtsorte Indiens sind mit Formen (avatara) von Shiva, Vishnu oder der Devi verbunden, weil diese dort besondere Taten vollbracht haben. Shiva und Vishnu sind zusammen mit Gott Brahma die drei Hochgötter, wobei letzterer kaum mehr verehrt wird; Devi, ("die Göttin") subsumiert verschiedene weibliche Gottheiten und wird hauptsächlich als Muttergottheit verstanden. Alle diese Gottheiten sind ständig in Bewegung und manifestieren sich zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten, was bedeutet, dass auch die Götter reisen. Und so tun es ihnen nicht nur die Asketen nach, sondern auch die Pilger und Wallfahrer, quasi als Asketen auf Zeit.
Ziel und Bedeutung
Das Ziel einer Wallfahrt ist es, religiösen Verdienst (punya) zu erlangen, wobei Uneinigkeit herrscht, wie oder wann sich dieser auszahlt, „Sünden“ – ein christlicher Begriff – (pap) abzubauen oder mittels eines Rituals namens pinda dana ("Kloßgabe") die Ahnen zu verehren. Andere tun es, um ein Versprechen einzulösen oder um einem Gott seine Dankbarkeit zu zeigen. Manche erhoffen sich auch materiellen Reichtum oder wollen eine spirituelle Segnung. Und wie bei christlichen Wallfahrten gibt es auch hier die Idee, aus der gewohnten Alltagswelt herauszugehen in eine neue Welt mit anderen Regeln, um dort Kraft zu schöpfen für die Zeit nach der Rückkehr. An oberster Stelle steht jedoch die spirituelle Festigung, die letztendlich notwendig ist, um den Kreislauf der Wiedergeburten zu durchbrechen und die spirituelle Welt zu erreichen.
 Benares, Fest zu Ehren der Göttin Ganga Foto: Stefan Peichl
Wie und wo Pilgerorte entstehen
Neben den allindischen Wallfahrtorten wie z.B. Pushkar, Puri und Benares (auch Varanasi oder Kashi genannt) gibt es zahlreiche regionale und lokale Pilgerorte mit eigenständigen regionalen und lokalen Gottheiten. Viele davon deutete man im Laufe der Zeit aber als Inkarnationen oder Manifestationen der Hochgötter Shiva, Vishnu oder Devi. Dadurch nahm die Bedeutung dieser Orte zu, und damit auch die Attraktivität für Pilger aus weiter entfernten Gegenden.
Ein Sonderfall ist eine große Wallfahrt, in der über mehrere Stationen ganz Indien durchquert wird. Diese große Wallfahrt kann übrigens auch in Benares gemacht werden, da dort die Heiligtümer ihre Pendants haben – und sogar im gleichen Verhältnis zueinander angeordnet sind wie in Gesamtindien.
Indische Pilgerorte befinden sich immer in der Nähe eines Flusses oder eines Sees, da das Wasser durch seine reinigende Wirkung eine zentrale Bedeutung für die rituellen Waschungen hat. Berge können ebenfalls wichtig sein, da sie der Ursprung aller Flüsse sind.
Gewöhnlich werden die Pilgerorte zu einer bestimmten Jahreszeit, die astrologisch-astronomisch bestimmt wird, oder zu bestimmten Festen aufgesucht, die einen besonderen Zusammenhang mit dem Leben der jeweiligen Gottheit oder des Heiligen haben. Aus diesem Anlass werden dann auch die wunderbaren Taten der Gottheit, das Töten von Dämonen u.a., aufgeführt.
 Traditioneller Geschichtenerzähler in Varanasi Foto: Stefan Peichl
Gut vorbereitet auf dem Pilgerweg
Je nach Gottheit kann alleine die Vorbereitung für eine Pilgerreise bis zu 60 Tagen dauern, gebärfähige Frauen sind eventuell ganz ausgeschlossen. Während dieser Zeit achtet man auf sexuelle Enthaltsamkeit bzw. man meidet Frauen ganz, isst kein Fleisch und keine Eier, man speist auch nicht in fremden Häusern und man verzichtet auf Drogen aller Art. In der Regel sind auch mehrere rituelle Bäder und persönliche Gottesverehrungen (puja) Teil dieser Vorbereitungen. Außerdem soll man in dieser Zeit Almosen geben, völlig gewaltfrei leben, evtl. auf dem Boden schlafen, keine unreinen Gedanken haben und möglichst viele Tempel besuchen. Am letzten Tag vor der Abreise kann auch ein Ritual stattfinden, das im Wesentlichen ein verkürztes Todesritual darstellt.
Für viele Pilgerziele werden verschiedene Routen angeboten, die, je nach Länge und Schwierigkeit, mehr Erfolg und Ansehen versprechen. Eine weitere Steigerung kann darin bestehen, die Strecke barfuß oder mittels Prostration (dabei misst man den Weg quasi mit der eigenen Körperlänge aus) zurückzulegen. Gewöhnlich findet die Reise in einer kleinen Gruppe mit einem Anführer (guru) statt. Da auch das Teilen als wichtiger Bestandteil gesehen wird, ist auch das gemeinsamen Essen ein wichtiger Bestandteil. Der harte Weg, als eine Art der Askese, und das Singen von Lobliedern sollen alle Emotionen verdrängen, so dass nur noch die Liebe (bhakti) zur Gottheit übrig bleibt. Bei Zwischenstopps sind weitere rituelle Waschungen und Rezitationen vorgesehen.
Am Ziel
Am Ziel angekommen – dies kann auch ein heiliger Wald (vana) oder See (kunda) sein - werden die Bilder oder Statuen (murti) der Gottheiten verehrt (puja, abhisheka): sie werden mit verschiedenen Substanzen „gewaschen“, und die Flüssigkeit, die dabei entsteht (car namrita), wird anschließend getrunken. Ganz besonders wichtig ist es, die Gottheit (bzw. ihr stellvertretendes Bild) anzuschauen und gleichzeitig von ihr angeblickt zu werden. Diese Art der Verehrung durch Schauen nennt sich darshan. Eine Verehrung der Gottheit mittels Gesang nennt man kirtan. Kirtans können durchaus auch ekstatische Ausmaße annehmen, wodurch die Leiden, die ihre Ursache im materiellen Denken haben, leicht egalisiert werden, was wiederum einen Bewusstseinszustand der Glückseeligkeit in liebender Hingabe (bhakti) ermöglicht. Gewöhnlich gehört auch eine Umrundung des Tempels oder des ganzen Ortes (parikrama oder pradakshina) zur Zeremonie dazu.
Im Gegensatz zu den Hochgöttern werden regionale und lokale Gottheiten gelegentlich noch mit Blutopfern und alkoholischen Getränken zu besänftigen oder zu beeinflussen versucht. Diese Opfer werden in der Regel jedoch nur von niederen Brahmanen durchgeführt und sie verschwinden in dem Maße, wie die jeweilige Gottheit an den „orthodoxen“ Glauben angepasst und integriert wird.
 Varanasi, Pilger am heiligen Fluss Ganges Foto: Stefan Peichl
Die verschiedenen Götter und ihre Pilgerorte
Der einzige Pilgerort, an dem Gott Brahma, der "Weltenschöpfer", verehrt wird, ist Pushkar. Er ist einer der wichtigsten Pilgerorte Indiens überhaupt und wird bereits im Mahabharata (s.o.) erwähnt. Hier führte der Gott einst ein Feueropfer (agnistoma) durch und weihte die Erde mit einer Lotusblüte. Sein Tempel steht allen Menschen und allen Kasten offen und beinhaltet u.a. auch Figuren von Shiva, Vishnu und dem vedischen Gott Indra.
Für Vishnu-Anhänger (oder Vaishnavas) sind vor allem die Orte Mathura und Vrindavan besonders heilig: Mathura ist der Geburtsort von Krishna, der von vielen als die höchste Persönlichkeit Vishnus angesehen wird. Vrindavan, „Stadt der 5000 Tempel“, ist nach der Legende der Ort, an dem Krishna aufgewachsen ist.
Für Shiva-Anhänger (oder Shaivas) hat Varanasi (Benares, Kashi) die größte Anziehungskraft. Aber fast alle großen Sekten Indiens besitzen in dieser Stadt ein Zentrum mit Tempeln und Unterkünften, da auch deren Stifter (z.B. Shankara, Ramanuja, Madhva, Ramananda oder Vallabha und Kabir) wenigstens einmal in ihrem Leben dort waren. Ein wichtiger Grund hierfür ist u.a. die geographische Lage Varanasis am Ganges (ganga), der Mutter aller Flüsse, die alle drei Welten (Himmel, Erde und Unterwelt) durchfließt. Und auch eines der vier wichtigsten Heiligtümer der Buddhisten liegt nur wenige Kilometer von Varanasi entfernt: In Sarnath hielt Buddha Gautama seine erste Rede.
Aber vor allem für die Shaivas ist Varanasi die Stadt der Befreiung (mukti oder moksha, die hinduistischen Begriffe für die christliche Idee der Erlösung): Varanasi liegt direkt an der Weltenachse, schließt als Mikrokosmos das ganze Universum mit ein und gilt als Ort besonderer kosmischer Kräfte, der durch seine vollkommene Reinheit und die Allgegenwärtigkeit Shivas Befreiung und Erlösung verspricht: selbst wer schlimmste Schuld auf sich geladen, einen Brahmanen getötet oder die Frau seines Lehrers verführt hat, tritt mit Shivas Hilfe aus dem Wesenskreislauf (samsara) heraus und gelangt direkt in den Himmel – wenn er in Varanasi stirbt. Deshalb machen sich jedes Jahr tausende Hindus, wenn sie das Ende ihres Lebens herannahen spüren, auf zu ihrer letzten Pilgerreise in diese heilige Stadt.
 Sarnath, Pilgerziel für Buddhisten Foto: Stefan Peichl
Die Kumbh Mela
Mit der Kumbh Mela ("Fest des Kruges") findet in Indien das größte religiöse Fest der Welt statt: Alle 12 Jahre zieht es Millionen Menschen an einen der vier heiligen Orte (jeder hat seinen eigenen Zyklus) Allahabad (Prayag), Haridvar, Ujjain oder Nashik (Nasik), wodurch diese zu den wichtigsten Pilgerorten Indiens zählen. Bei der letzten großen Kumbh Mela (Allahabad 2001) wurden zwischen Mitte Januar und Ende Februar ca. 90 Millionen Besucher gezählt. Allein am wichtigsten Tag des Festes badeten geschätzte 30 Millionen Pilger am Zusammenfluss von Ganges und Yamuna (sowie dem unterirdischen mythologischen Fluss Sarasvati). Die rituellen Waschungen sind das eigentliche Ziel der Pilger. Gemäß der Mythologie fielen dort zu Anbeginn der Zeit vier Tropfen des Nektars der Unsterblichkeit (amrita) auf die Erde, welche die Götter im Streit mit den Dämonen aus einem Krug verloren hatten. Seither gibt es den Glauben, dass sich hier das Wasser der Flüsse selbst in amrita verwandeln kann bzw. dass das Baden an diesen heiligen Orten, zu bestimmten, astrologisch festgelegten Zeiten, negatives Karma millionenfach besser neutralisiert als jede andere religiöse Handlung.
Besonders spektakulär ist dieses Fest durch die große Zahl der anwesenden sadhus (heilige Asketen) aller Glaubensrichtungen, die hier aus ganz Indien zusammenkommen.
Info: Weitere Informationen und Reisen nach Indien finden Sie unter folgender Adresse - www.reisebasar.de/Reisen
© 2007 Text & Fotos: Stefan Peichl
Stefan Peichl, M.A. ist Indologe und Ethnologe und hat an der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg studiert. Er reist leidenschaftlich gerne und fühlt sich in gediegenen Regionen am liebsten.
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