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Persönliche Begegnung mit Afrika - Raymond Depardon

von Dr. Volker Kull


RAYMOND DEPARDONS AFRIQUES: COMMENT ÇA VA AVEC LA  DOULEUR?

"Die Reise verändert einen nur momentan. Die meiste Zeit bleibt man auf triste Weise dem gleich, was man schon immer gewesen ist." Die in diesem Zitat vermittelte Haltung, dass die Begegnung mit dem Anderen immer auch eine Begegnung mit sich selbst ist, könnte exemplarisch auch für den Film des französischen Filmemachers Raymond Depardon mit dem Titel Afriques: Comment ça va avec la douleur? stehen. Wie kaum einem anderen Dokumentarfilm zuvor gelingt ihm die Synthese von ethnologischer Theoriebildung und dokumentarfilmischer Praxis. Zugleich ist er im Unterschied zu herkömmlichen erklärdokumentaristischen Filmen, auf die sich im Allgemeinen das Medium Fernsehen beschränkt, ein herausragendes Beispiel dafür, welch essentielle Bedeutung die Brechung des positivistischen Objektivitätsparadigmas insbesondere bei der Begegnung mit den Anderen hat.

Das zu Beginn angeführte Zitat stammt von dem französischen Dichter und Ethnologen Michel Leiris. Er unternahm in den 30er Jahren gemeinsam mit dem französischen Ethnologen Marcel Griaule eine Expedition quer durch Afrika. In seinem Tagebuch Phantom Afrika erzählt er im Unterschied zu Griaule von seinen persönlichen Gefühlen der Fremde gegenüber. Anders als die Ethnologen, die nach objektivierbarem Wissen suchen und das Wesen des Individuums als einmalig und kohärent betrachten, gründet Leiris die Suche nach der fremden Realität auf seiner eigenen Subjektivität. Die eigenen, individuellen Erfahrungen sind für ihn die bestimmenden Grundlagen der Begegnung mit Afrika. Seine Betrachtungen formen sich in einem Prozess der täglichen, auch durch Widersprüchlichkeit geprägten individuellen Auseinandersetzungen mit den vielfältigen Realitäten Afrikas aus.

Das traditionelle Subjekt-Objekt-Verhältnis von Beobachter und Beobachteten wird aufgebrochen und wandelt sich zu einem die eigenen Grenzen reflektierenden Miteinander. Unverzichtbare Voraussetzungen für eine Annäherung an die Fremde sind für Leiris daher die schonungslose Transparenz der eigenen Eingeschränktheit und der Darlegung der Position des Beobachters. Sie werden zu einer zentralen 'Funktion der Objektivität'. Objektivität entsteht dabei nicht mehr, wie im positivistischen Paradigma, in totaler Negierung des eigenen Selbst, sondern durch die vollständige Einbringung der Person des Forschers.

Eben diese Gedanken hat nun der französische Filmemacher Raymond Depardon in seinem neuesten Film Afriques: Comment ça va avec la douleur? in beeindruckender Form umgesetzt. Ebenso wie Michel Leiris in den 30er Jahren reiste er mehrere Jahre durch Afrika. Nicht mit Bleistift und Notizbuch in der Hand wie Leiris, sondern mit seiner 16mm-Filmkamera auf der Schulter und einem Kamerastativ.

Depardons Film ist eine sehr persönliche Betrachtung Afrikas und der Versuch eines Filmemachers, sich den vielfältigen, für uns so andersartigen Realitäten des afrikanischen Kontinents anzunähern. Hierfür wählte Depardon die Form eines dokumentarfilmischen Essays. In langsamen Kamerafahrten und langen Einstellungen, die im besten Sinne an die 'teilnehmende Kamera' der ethnologischen Dokumentarfilme von David und Judith MacDougall über die Turkana in Kenia erinnern, entdeckt Depardon die fremde Wirklichkeit eines fernen Kontinents für sich selbst und für die Kinozuschauer. Sein oft poetischer und immer subjektiver off-Kommentar dokumentiert die Schwierigkeit eines Europäers, das afrikanische Leben zu verstehen. Die Behutsamkeit, der Respekt, aber auch die Selbstreflexivität, mit der Depardon den afrikanischen Wirklichkeiten und den Menschen in seinem Film begegnet, ist zugleich eine Kritik an den zahlreichen, vermeintlich objektiven Dokumentarfilmen über Afrika, wie wir sie aus der täglichen Fernsehberichterstattung zur Genüge kennen.

Im Unterschied zu den Filmen, die vorgeben, die fremde Realität dieses Kontinents zu kennen und dabei die Vorurteile der europäischen Zuschauer gegenüber Afrika verstärken, lässt Depardon den Zuschauern über sein persönliches Kameraauge die Freiheit, Bilder aus der Fremde selbst entdecken zu können und eine persönliche Beziehung zum Filmemacher sowie zu den Gefilmten aufzubauen. Die ungewöhnlichen Stilmittel einer strikt subjektiven Kamera und des nachdenklichen, sehr persönlichen Kommentars problematisieren die ethisch-moralischen und ästhetischen Grundlagen, mit denen europäische Filmemacher normalerweise dem afrikanischen Kontinent und seinen Menschen begegnen.

Die filmische Reise Depardons quer durch den afrikanischen Kontinent beginnt in Südafrika mit einer stilistischen Überraschung. Statt um ein Interview bittet er den südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela um eine Minute des Schweigens. In einer Totalen betrachten wir als Zuschauer Nelson Mandela, wie er in einem Sessel sitzt und schweigt. Ich sitze wie gebannt im Kinosessel, überwältigt von der enormen Wirkung dieser Einstellung. Aufgrund des von Depardon ausgewählten Bildausschnitts und der im Raum herrschenden Stille strahlt sie Distanz und Nähe zugleich aus. Respektvolle Distanz zu dieser Ikone des südafrikanischen Befreiungskampfes, Nähe aufgrund der Gelegenheit, statt von den verbalen Ausführungen eines südafrikanischen Politikers abgelenkt zu werden, meinen eigenen Gedanken zur Vergangenheit und Gegenwart Südafrikas zu lauschen. Alte Photographien und Filmsequenzen ziehen an meinem inneren Auge vorbei: Bilder von Nelson Mandela im Gefängnis, von den Demonstrationen der schwarzen Bevölkerung Südafrikas, die gewaltsam von der weißen Ordnungsmacht auseinandergetrieben worden sind. Als ob es gestern gewesen wäre, erinnere ich mich an das Konzert zu Ehren Nelson Mandelas vor zehn Jahren in London. Ich denke aber auch an die aktuellen Probleme und Realitäten, denen er als Präsident Südafrikas nun gegenübersteht: die sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten, die Gewalttätigkeit in den großen Städten Südafrikas, die Probleme bei der Aufarbeitung der unmenschlichen Geschehnisse während der Apartheid. Dinge, die die großen Hoffnungen und Utopien angesichts des befreiten Südafrika so sehr in Frage stellen.

Afriques: Comment ça va avec la douleur?
Bereits in dieser Einstellung wird der Sinn des Filmtitels deutlich. Gewiss hätte auch ein Interview mit Mandela ähnliche Assoziationen hervorrufen können. Es wäre jedoch nie diese persönliche Betroffenheit und Nähe entstanden, wie es Depardon durch eine filmische Gedenkminute gelungen ist.

Afriques: Comment ça va avec la douleur? ist ein Film über den Schmerz und die Scham des afrikanischen Kontinents. Gleichzeitig ist es aber auch ein Film über unsere eigene Scham als Zuschauer angesichts des Schmerzes dieses Kontinents. Nach seinem Besuch bei Nelson Mandela führt uns Depardon nach Soweto, einem ehemaligen Homeland bei Johannesburg. Wie bereits in der langen Einstellung mit Nelson Mandela, zeigt uns Depardon die Menschen auf eine für Dokumentarfilme unübliche Weise. Er wechselt kein Wort mit ihnen, führt keine Interviews, die von der unmittelbaren Wirkung der Bilder ablenken könnten. Die langen statischen Kameraeinstellungen vermitteln mir einen Eindruck von dem Stolz und der Würde dieser Menschen. Eine der Einstellungen zeigt ein Mädchen, das an der Wand einer Baracke lehnt und immer schüchterner wird, je länger die Kamera auf sie gerichtet ist. Mit steigender Unsicherheit des Mädchens aber beginne ich, meine eigene Unbehaglichkeit zu spüren. Ich erkenne, dass die Wirkung dieser Einstellung mir selbst einen Spiegel vorhält. Im Unterschied zur Einstellung mit Nelson Mandela bin ich zu einem Voyeur geworden, der sich dem Sog der Filmbilder nicht entziehen kann. Ein Gefühl der Scham ergreift mich. Eigentlich möchte ich wegschauen, fühle mich als Eindringling, wie jemand, der die Grenzen der persönlichen Intimsphäre eines anderen Menschen überschreitet, fühle mich wie einer, der die selbstverständlichsten Regeln des zwischenmenschlichen Zusammenlebens bricht.

'Voyeurismus' und 'Scham' bleiben auch in den folgenden Sequenzen zentrale Themen des Films. Als Depardon beispielsweise an den Ort zurückkehrt, mit dessen Einwohnern er Mitte der 80er Jahre den Spielfilm Empty Quarter/Une femme en Afrique gedreht hat, wenden sich die Emotionen aber gegen den Filmemacher selbst. In keiner anderen Szene ist seine persönliche Eingeschränktheit bei der Begegnung mit den Menschen Afrikas deutlicher zu erkennen. Er gibt seiner Freude Ausdruck, die Bewohner des Dorfes in der südlichen Sahara wiederzusehen, indem er ihnen begeistert von seinen persönlichen Erinnerungen an die Zeit der Dreharbeiten erzählt. Dabei richtet er seine Kamera in aufdringlicher Weise direkt auf seine früheren Freunde. Während er aber ohne Unterlass spricht und Fragen stellt, geben seine Gegenüber, wenn überhaupt, nur einsilbige Antworten. Mit der Dauer des Monologs von Depardon steigt auch die Abwehrhaltung bei den Interviewten. Sie steigert sich soweit, bis sich auch meine anfängliche Neugier auf diese Begegnung des Filmemachers mit der Dorfbevölkerung zu einer Abneigung gegen seine Aufdringlichkeit wandelt. Doch, als das Verhalten Depardons beinahe unerträglich wird, erlöst er die Zuschauer. In einem selbstreflexiven off-Kommentar gibt er uns zu verstehen, dass er sich durchaus über sein aggressives Verhalten bewusst ist. Er freue sich sehr, hören wir da, über die Wiederbegegnung mit den alten Freunden, doch habe er den starken Eindruck, dass er der einzige sei, der sich freut. Und: Er hasse es, seine Gegenüber in Interviews gewissermaßen einem filmischen Verhör zu unterziehen. Diese Selbstreflexion und die Betroffenheit Depardons wirken gleichsam wie ein Befreiungsakt für die Interviewten und für uns Zuschauer. Aus bloßen Filmobjekten, aus denen es so viele Informationen wie möglich herauszupressen gilt, sind wieder menschliche Wesen geworden, denen man in angemessener Weise begegnen sollte. Das starre Subjekt-Objekt-Verhältnis von Filmemacher zu Gefilmten herkömmlicher Dokumentarfilme wurde aufgebrochen. Obgleich dieser Akt der Bewusstmachung keine unmittelbare Nähe zu der interviewten Dorfbevölkerung hergestellt hat, wertet er sie dennoch zu gleichberechtigten Subjekten auf. Dieses ausgesprochene Sich-Selbst-Bewusstsein des Filmemachers hat zumindest eine erste Grundlage geschaffen für den Beginn einer intersubjektiven Begegnung zwischen dem 'Eindringling' aus Europa und der Dorfbevölkerung.

Die Einfühlsamkeit, mit der sich Depardon den Filmschauplätzen nähert, tritt deutlich in dem den Film bestimmenden Stilmittel hervor, das er jeweils bei der Ankunft an den einzelnen Stationen seiner Reise einsetzt. Ein Kameraschwenk von 360° Grad mit dem Filmemacher als Mittelpunkt erlaubt es, das gesamte Panorama der neuen, fremden Umgebung zu entdecken. Wir werden ganz allmählich der Landschaften, in denen die Menschen leben, und den Verstehenshorizonten und -grenzen des Filmemachers gewahr. Man ist geneigt, Depardon Egozentrismus vorzuwerfen. Dieses spezielle Kameraarrangement ist jedoch lediglich visueller Ausdruck seiner individuellen, subjektiven Haltung gegenüber den Realitäten, denen er auf seiner Reise begegnet. Und in der letzten Einstellung, ein 360 Grad Kameraschwenk über den Innenhof des bäuerlichen Anwesens seiner Eltern, gibt er sein eigenes soziales Umfeld preis. Diese Form filmischer Selbstintegration eines Filmemachers markiert den wesentlichen Unterschied zu anderen Dokumentarfilmen. Denn der Autor gibt sich selbst zu erkennen, macht sich angreifbar und verletzbar. Die Zuschauer erhalten unmittelbaren Zugang zu den persönlichen Grundlagen für die Entstehung der gesehenen Bilder. Diese persönliche Miteinbeziehung des Filmemachers in seinen filmischen Text ist das große Verdienst von Afriques: Comment ça va avec la douleur?

Man mag kritisch einräumen, dass Depardon nur den dunklen Seiten des afrikanischen Kontinents nachspürt und das 'normale' afrikanische Leben abseits des Leids ignoriert. Doch ist dies nicht genau die Repräsentationsweise herkömmlicher Dokumentarfilme über Afrika? Die Übertreibung dessen, was in anderen Filmen 'normal' zu sein scheint, ist eben auch Teil der Kritik Depardons. Der Film führt uns vor Augen, wie wichtig gerade der Einfluss der eigenen Person auf den Prozess der Begegnung mit dem Fremden ist angesichts dieses schwierigen Unterfangens.

Das dargestellte Leid ist nicht die 'objektive' Wirklichkeit Afrikas. Filmische Repräsentationen, gleich welcher Gattung, beruhen auf subjektiven bzw.  intersubjektiven Wahrheiten. Dokumentarfilme sind das filmische Produkt von Begegnungen, keine objektiven Resultate eines einzigen Filmemachers. Die von Depardon gewählte, essayistische Form ist der einzig integre Rahmen von Dokumentarfilmen, denn die Worte von Michel Leiris gelten auch für diesen Bereich kreativen Schaffens: "Wenn ich subjektiv schreibe, erhöhe ich insofern den Wert meiner Aussage, als ich zu erkennen gebe, dass ich mir jederzeit bewusst bin, was ich von meinem Wert als Zeuge zu halten habe." (Michel Leiris in Phantom Afrika am 4.4.1932).


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© 2009 V. Kull, Text & Fotos: Volker Kull

Dr. Volker Kull hat u.a.  Ethnologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg studiert. Der bekannte Filmkritiker und Experte für lateinamerikanische Dokumentarfilme lebt und arbeitet zur Zeit in Düsseldorf und bereist gerne fremde Kulturen.


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