Sie befinden sich hier:  Startseite / Magazin / ReiseMagazin / 'Dr Basler Morgestraich' - alles andere als e ...  
 

Themen

Veranstalter

Ziele

Schnellsuche













ReiseMagazin

Ein Tag in Wien
von Ines Käflein
"Zum Dessert sollte man allerdings wieder ins 19. Jahrhundert zurückkehren und in einem der Wiener Kaffeehäuser eine heiße Melange mit Schlagobers (Schlagsahne) und ein Stück Sachertorte genießen."

Shanghai - Globalisierung im Reich der Mitte
von Fredy P. Weber
"Zählt man die internationalen Restaurants (vornehmlich im neuen Pudong zu finden) noch hinzu, ist fast die halbe kulinarische weltweite Vielfalt in Shanghai zu finden. Und das ist nicht übertrieben."

Pilgertum und Wallfahrt in Indien
von Stefan Peichl
"Das indische Wort für Wallfahrt ist der aus dem Sanskrit stammende Begriff tirtha yatra. Tirtha bedeutet wörtlich „Furt“, also eine flache Stelle in einem Fluss; yatra ist der Weg."

* mehr ...

 

'Dr Basler Morgestraich' - alles andere als ein ausgelassenes Fasnachtsritual

von Dr. Volker Kull


Jedes Jahr aufs Neue vollzieht sich in der Nacht von Sonntag auf Montag nach Aschermittwoch in der Altstadt von Basel ein ernstes, mystisches Ritual der Einheimischen. Dr Morgestraich ist der Beginn der Basler Fasnacht. Im Unterschied zu den in Deutschland bekannten Faschings- oder Karnevalsritualen ist der Basler Morgenstreich jedoch kein Fest, das mit ausgelassener Fröhlichkeit gefeiert wird. Es handelt sich vielmehr um ein für die Einheimischen heiliges Ritual, das durch eine ungewohnte Strenge und Ernsthaftigkeit gekennzeichnet ist.

Masken auf dem Basler Morgestraich. Foto: V. Kull
Icon Bild vergrößern  Masken auf dem Basler Morgestraich. Foto: V. Kull

Es ist vier Uhr am Montagmorgen nach Aschermittwoch. Endlich ist es wieder soweit. Vier helle Glockenschläge läuten die Zeit der Fasnacht ein. In der Basler Altstadt gehen die Lichter aus und es beginnt ein für Außenstehende etwas befremdliches, für Einheimische beglückendes Konzert von Piccoloflöten und Trommeln.

„Achtig! Morgestraich! - vorwärts, marsch!" Die Tambourmajore an der Spitze jeder Gruppe geben den Befehl. Zunächst jedoch bleiben alle noch stehen. Denn den Morgenstreich macht man an Ort und Stelle. Erst nachdem die sakralen Verse "Mer mien, mer mien, mer mien goh, ..." rezitiert wurden, setzt sich jede Gruppe, je nach Größe in Zweier- bis Vierer- oder Fünferreihen geordnet in Bewegung.

Ohne unmittelbar erkennbare Normen schreitet jede Clique gemächlich und würdevoll, auf ihrem eigenen, spontan gewählten Weg, kreuz und quer durch die verdunkelte Basler Altstadt. Jede Gruppe spielt dabei mit ihren Piccoloflöten und Trommeln ihre eigene Melodie, so dass eine auf den ersten Blick genussvolle Unordnung entsteht. Von jetzt an steht ganz Basel unter Klaustration. Von nun an wird die Basler Altstadt für einige Tage wieder zum heiligen Ort erhoben. Die bestehende soziale Ordnung ist außer Kraft gesetzt. Die Basler Altstadt gehört wieder den Fasnachtscliquen. Von nun an dominieren die Gruppen kunstvoll maskierter Laternenträgern, Flöten- und Trommelspielern das Straßenbild.

Für viele Basler ist dies der Beginn des Morgenstreichs der wichtigste Augenblick des Jahres. Monatelang haben zahlreiche Angehörige der indigenen Bevölkerung Basels diesen Moment sehnsuchtsvoll erwartet. Die Kostüme wurden entweder selbst oder von alteingesessenen Kostümschneidereien entworfen und genäht. Neue Märsche wurden in Pfeifen- und Trommlerschulen eingeübt. Kunstvoll wurden das ganze Jahr über Laternen kreiert, die am Abend zuvor als sakrales Relikt feierlich und in Begleitung von Pfeifern in die Altstadt getragen worden sind. Die Zeit des Übens und Wartens ist vorbei.

Trotz des scheinbaren Durcheinanders aber ist der Morgestraich eine streng ritualisierte Veranstaltung. Nicht nur ihre Anordnung in Zweierreihen, auch der Schritt der Cliquen folgt einer traditionellen Regel. Sein Takt von etwa 90 Schritten pro Minute weist ihn als den alten Landsknechtschritt aus, nicht der einzige Hinweis auf die traditionell militärischen Elemente des Morgenstreichs.

Schon vor der Reformation im 16. Jahrhundert war der Montag nach Aschermittwoch der Tag, an dem der Tambourmajor die wehrhafte Bürgerschaft auf dem Kornmarkt zur militärischen Musterung zusammenrief. In Zunftkleidung, mit ihren Waffen und jede Gruppe mit ihrem eigenen Zeichen zogen die Jungen daraufhin aus, um wenn es sein musste, für ihre Zunft und Basel zu sterben. Der Tambourmajor war zu jener Zeit eine Gestalt, die bei der Basler Bevölkerung nicht gerade angenehme Assoziationen hervorrief. Auf alten Abbildungen erscheint der Tod selbst als Tambourmajor.

In späteren Jahren gesellten sich immer wieder auch Maskierte zu diesen Musterungsumzügen. Und nachdem 1834 der Beginn des Morgestraichs auf vier Uhr morgens gelegt wurde, vermischten sich allmählich althergebrachte, fasnächtliche Maskierungen und die militärischen Elemente zu ihrer heute bekannten Form aus normierten Verhaltensregeln und einer wohldosierten Unordnung.

Eine Ethnologische Betrachtung

Der schwermütige Geist der prä-reformativen Musterungsumzüge hat sich bis heute im Morgestraich erhalten und manifestiert sich noch immer im Ausdruck der Larven, wie die Basler ihre Gesichtsverkleidungen nennen. Traurig, melancholisch schreiten sie voran, selbst zu Beginn der Fasnachtszeit ihre Pflicht als Bürger zu erfüllen. Wie sehr die Basler Einheimischen bis heute mit ihren Märschen verbunden sind und dieses Gefühl der Pflichterfüllung verinnerlicht haben, zeigt die ungeschriebene Regel, die man von jedem in die Magie der Basler Fasnacht und des Morgenstreichs Eingeweihten vernehmen kann: Einen Marsch spielt man nicht, man trommelt ihn auch nicht. Man "macht" ihn.

Keine Clique lässt sich von anderen aus dem Rhythmus weder ihres gerade gemachten Marsches noch aus ihrem gemächlichen und würdevollen Schritt bringen. Dies ist umso schwieriger, wenn sie einander begegnen. Eigentlich ist es Aufgabe der Platzmacher, Platz zu schaffen für den Zug ihrer Cliquen. Sie sollen ihnen einen Weg bahnen durch die Menge der Schaulustigen, die am Straßenrand das Geschehen beobachten. Genauso wichtig jedoch ist es dafür zu sorgen, dass sich die Cliquen kreuzen können, das heißt problemlos aneinander vorbeiziehen können. Nicht immer aber ist dies so leicht möglich, wie es klingt. Manchmal stehen die Cliquen minutenlang trommelnd und pfeifend voreinander, ohne dass sich eine der beiden irgendwie vom Marsch der anderen beeindrucken ließe. Es scheint, dass der Takt, der Rhythmus, die Melodie des Marsches und die monotone Schrittfolge einen tranceartigen Zustand bei den beteiligten Musikern hervorruft, der jede Beeinflussung von außen ausschaltet.

Nur scheinbares Durcheinanders - Der Morgestraich ist eine streng ritualisierte Veranstaltung. Foto: V. Kull
Icon Bild vergrößern  Nur scheinbares Durcheinanders - Der Morgestraich ist eine streng ritualisierte Veranstaltung. Foto: V. Kull

Dennoch brauchen nach einiger Zeit auch die fleißigsten Trommler und Pfeifer eine kleine Stärkung. Durchgefroren begeben sie sich in die gut gefüllten Lokale, wo man die dickflüssige Mehlsuppe zu sich nimmt. Darüber reiben sie traditionell alten, harten Käse. Dazu gibt es frische Zwiebelwähe oder heutzutage Käsewähe, eine Art Zwiebel- bzw.  Käsekuchen. Früher trank man zu diesem etwas spartanischen Fasnachtsmahl heiße Schokolade, die allerdings heutzutage durch Wein, Bier oder auch Schnaps ersetzt wurde.

Im ethnologischen Sinne bringt der sakrale Charakter eines Rituals mit sich, dass sowohl bestimmte Verhaltensweisen als auch bestimmte Objekte mit Tabus belegt werden. Dabei handelt es sich um magisch-religiöse Verbote, deren Nichtbeachtung zwar keine weltlichen, so doch eine übernatürliche Strafe nach sich ziehen. Dies gilt für Polynesier genauso wie für die Zulu in Südafrika oder eben für die Basler Einheimischen.
Die Laterne beispielsweise ist eines der zentralen Objekte, von denen während der Fasnachtszeit heilige Kraft ausgeht. Schon ihre Herstellung gleicht einem magischen Ritual, dessen Geheimnisse nur Eingeweihten bekannt sind. Vor allem die großen Wagen- und Steckenlaternen der Platzmacher sind das Juwel, der Stolz einer jeden Clique. Mit viel Tradition behaftet dienen sie, seit die Cliquen die Funktion der alten Zünfte übernommen haben, als ihr Erkennungszeichen. Gemeinsam mit den Rücken- und Kopflaternen sind sie in der Dunkelheit des Morgestraichs die einzig rituell legitimierten Lichtquellen. Als Nachfahren der zwischenzeitlich verbotenen Fasnachtsfeuer dienen sie heutzutage gleichsam als Festbeleuchtung für den Morgestraich. Alle anderen Lampen, seien es Wohnzimmerlampen oder die Leuchtreklameschilder der zahlreichen Lokale, müssen ausgeschaltet sein.

Auch die bereits erwähnten Trommeln sind neben den Laternen Ritualobjekte, die mit einer heiligen Kraft belegt sind, herrscht doch während des ganzen Jahres über in Basel mehr oder weniger Trommelverbot, offizielle Anlässe ausgenommen. Um dieses Instrument so virtuos zu beherrschen wie die Basler, muss auf einem Ersatzgerät, namens 'Beggli', einem mit Fell beklebten Trommelbock aus Holz, geübt werden, nicht auf der Trommel selbst.

Über die Respektierung all dieser Tabus herrscht der allseits bekannte Basler Fasnachtsgott 'Man' ('Me'), gleichsam die Versinnbildlichung der sozialen Fasnachtskontrolle. In jedem Basler Hotel beispielsweise liegt ein Verhaltenskodex für die Fasnacht und den Morgestraich aus, der die Fremden in die wichtigsten Verbote einweiht. Lässt man sich als Schaulustiger beispielsweise hinreißen, die Piccolospieler und Trommler während des Morgestraichs mit einem Blitzlichtgerät frontal in ihre Larven hineinzublitzen, kann man sich der strengen Rüge eines dabeistehenden Einheimischen sicher sein. Gleiches passiert ihm, wenn er quer durch die Cliquen hindurchgeht und ihren Zug behindert. Es ist zwecklos, sich rechtfertigen zu wollen. Man hat eines der ungeschriebenen Gesetze des Morgestraichs übertreten. Dem Uneingeweihten drohen, wenn nicht Hohn oder Spott, so aber doch Verachtung und offene Ablehnung. Gleiches kann passieren, wenn man das Wort Fasnacht mit einem 't' zuviel ausspricht, wie dies einem Deutschen nur allzu leicht passiert oder wenn man sich der Höflichkeitsanrede bedient. Man duzt sich in Basel während des Morgestraichs und der Fasnacht. Und Schunkeln oder karnevalistische Schlachtrufe, wie 'Helau' oder 'Alaaf' sind sowieso verboten. Sie stören den mystischen Zauber der sakralen Prozession.

Doch auch das heiligste Ritual geht einmal zu Ende. Mit einsetzender Dämmerung machen sich Erschöpfung und Müdigkeit breit. Die Schritte werden langsamer. Immer stärker spüren die Beteiligten das Gefühl, sich schlafen legen zu wollen. Doch mehr als ein kurzes Nickerchen darf man sich nicht gönnen, denn nicht einmal an diesem so heiligen Tag vergessen die Einheimischen, ihrer Pflicht nachzugehen. Ganz im Sinne des calvinistischen Weltbildes muss auch am Tag des Morgestraichs die Arbeit getan werden, bevor die Fasnacht am Nachmittag weitergeht.


---
© 2009 V. Kull, Text & Fotos: Volker Kull

Dr. Volker Kull hat u.a.  Ethnologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg studiert. Der bekannte Filmkritiker und Spezialist für lateinamerikanische Dokumentarfilme lebt und arbeitet zur Zeit in Düsseldorf und bereist gerne fremde Kulturen.


Weitere Berichte von Dr. Volker Kull:




Symbol RSS Feed   RSS Feed ReiseMagazin

zurück zur Übersicht

 

ReiseNews

  • Reisen & Urlaub: Die Reisetrends für den Sommer 2016

    (22.02.2016) An Ostern ist es wieder soweit... Die Urlaubssaison

    * mehr ...

  • Erlebnisreisen weltweit: Erster FTI Erlebniskatalog mit 187 zusätzlichen Rundreisen

    (22.02.2016)  FTI bietet ab sofort 187 neue Abenteuer-, Erlebnis-

    * mehr ...

  • Thailands schönste Hideaways: Beach and the City

    (17.02.2016) Die thailändische Kultur in den Städten entdecken,

    * mehr ...

Alle ReiseNews

Last Minute

- Mallorca ab 235,-
- Gran Canaria ab 320,-

? Last Minute Aktuell

Reiseveranstalter im Preisvergleich

* mehr ...

Reisebüro

Unser Büro ist täglich für Sie geöffnet.

Service-Center-Logo

* mehr ...

Web 2.0

Folgen Sie unseren News auf Twitter

Reisebasar.de Videos auf  Youtube

Freunde bei Facebook
---

* mehr ...