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Danzig und der Blechtrommler
von Brigitte Jäger-Dabek
Er ist nicht der erste große Sohn dieser Stadt, aber er ist ihr erster Literaturnobelpreisträger. Auf jeden Fall aber ist Günter Grass der derzeit populärste Danziger und rangiert dort deutlich vor Lech Walesa, dem Friedensnobelpreisträger. Sein Roman „Die Blechtrommel“ ist „das“ Danzig - Buch, und taugt auch zur Erkundung der Stadt.
 Mottlaukai mit Krantor, Danzigs Wahrzeichen
Danzig, strahlend schön und die pure Ästhetik polnischer Restauratorenkunst, war zu Kriegsende total zerstört und wurde in einem Jahrzehnte währenden Kraftakt wieder aufgebaut. Heute zählt Gdansk, wie die Stadt polnisch heißt rund 460 000 Einwohner und ist mit seinen Nachbarstädten, der Hafenstadt Gdynia und dem Seebad Sopot zur Dreistadt „Trojmiasto“ zusammen gewachsen, einem Ballungsraum mit 750 000 Einwohnern.
Einst reiche Hansestadt und Stadt des Bernsteinhandels, nach dem Ersten Weltkrieg Freie Stadt, Ausgangspunkte des Zweiten Weltkrieges und Wiege der Solidarnosc ist die Stadt ein geschichtsträchtiger Ort. Sieben Jahrhunderte lebten hier Deutsche, Juden, Polen und Kaschuben in einer Stadt zusammen, nicht immer ohne Streit und Diskriminierungen aber doch in Frieden und bauten gemeinsam eine unvergleichliche Kulturlandschaft auf.
Die Danziger Prachtstraße
Im Stadtteil Glowne Miasto/Rechtstadt findet man eindrucksvolle steinerne Zeugen von Danzigs goldenem Zeitalter. Zahllose kleine Gassen kreuzen die Hauptstraßen, die von den prunkvollen Stadttoren herunter zum Ufer der Mottlau führen.
Die Danziger Prachtstraße ist der Königsweg, der vom Hohen Tor durch die Lange Straße (ul. Dluga) und über den Langen Markt (Dlugi Targ) führt. Hier finden sich neben unzähligen prächtigen Patrizierhäusern die wichtigsten Baudenkmäler. Im Rechtstädtischen Rathaus ist auch die stadtgeschichtliche Ausstellung des Historischen Museums beherbergt und vom 82 m hohen Turm hat man einen tollen Überblick über die Ostseestadt. Von genau hier aus sang Blechtrommler Oskar Matzerath sein alle Scheiben der Umgebung zerstörendes hohes C.
 Artushof mit Neptunbrunnen
Der nur wenige Schritte entfernte Artushof stammt aus dem 15. Jahrhundert und wurde einst als Verbandshaus der Danziger Kaufmannschaft genützt. In seiner dreischiffigen Festhalle traf sich die Kaufmannschaft und empfing Könige und Gesandtschaften. Nicht zu übersehen ist der Neptunbrunnen vor dem Artushof, der aus dem 17. Jahrhundert stammt und bis heute ein beliebter Treffpunkt ist.
Prachtentfaltung und Prunk der Patrizierhäuser ist aber nicht auf diese Paradestraße beschränkt. In der parallel verlaufenden Brotbänkengasse (ul. Chlebnica) sowie der Frauengasse (ul. Mariacka) stehen die für Danzigs Blütezeit so charakteristischen Häuser mit Beischlägen, den Terrassenaufgängen, unter denen sich in kleinen Kellerräumen liebevoll dekorierte Bernsteinläden und Silberschmieden eingerichtet haben.
Preisgünstigen, nach Gewicht verkauften Bernstein findet man an den unzähligen Ständen an der Mottlau rund um Danzigs Wahrzeichen, das Krantor aus dem Jahre 1443. Überragt wird das alte Danzig von der Marienkirche an der Frauengasse, deren Baubeginn auf 1343 datiert wird. Das wuchtige Gotteshaus ist die wohl größte Backsteinkirche der Welt, fasst sie doch 25 000 Gläubige.
Aber auch außerhalb der Altstadt ist Danzig interessant, nur einen Katzensprung entfernt lag die Danziger Leninwerft, der Ort, an dem mit der Zulassung der freien Gewerkschaft Solidarnosc der Anfang vom Ende des Ostblocks stattfand. Dort steht das hohe, schlanke Ehrenmal für die Toten der 1970-er Unruhen.
Hier beginnt auch gleich Wrzeszcz, das alte Langfuhr, in dem Grass aufwuchs. Immer noch ist Wrzeszcz, die Heimat der Blechtrommel ein Arbeiterviertel.
 Dlugi Targ/ Langer Markt, Königsweg und Prachtmeile Danzigs
Wrzeszcz, das alte Langfuhr, in dem Günter Grass aufwuchs
Zum 80. Geburtstag von Grass begann die Stadt Danzig die Originalschauplätze von Grass Büchern durch Emaille - Schilder mit zunächst acht passenden Romanzitaten kenntlich zu machen. Jede Station erinnert an den Autor oder seine Romanfiguren wie die Herz-Jesu-Kirche, in der nicht nur Grass getauft wurde, sondern auch sein Romanheld Oskar Matzerath. Dort sorgte Oskar später für Aufruhr, als er das Jesuskind ohrfeigte. Mittlerweile haben Historiker einen Stadtrundgang auf den Spuren von Günter Grass ausgearbeitet, den man auch buchen kann. Unweit des alten Marktplatzes, auf dem Oskars Großmutter Anna Koljaiczek ihre „Ganschen, nich zu fett, nich zu mager" feilbot, befand sich die Synagoge von Wreszcz, die heute als Musikschule genutzt wird. Sie war noch vor dem Krieg verkauft worden, als die Gemeinde immer mehr schrumpfte. Der Großteil der Danziger Juden war nämlich bereits in den 30er Jahren ob der wachsenden antisemitischen Gewalt ausgewandert.
Von der großen Danziger Synagoge, die sich in der Rechtstadt in der Nähe des Zeughauses befand, ist nichts geblieben. Das jüdische Leben in Danzig symbolisiert in der Blechtrommel der jüdische Spielzeughändler Sigismund Markus, dessen Laden Grass ganz in der Nähe des Zeughauses angesiedelt hatte. Der Spielzeughändler versah Oskarchen mit Blechtrommeln und beaufsichtigte den kleinen Blechtrommler, während dessen Mutter sich mit dem kaschubischen Onkel Jan Bronski traf. Dieser Onkel Jan Bronski ist auch die zentrale Figur im Romanabschnitt über den Beginn des Zweiten Weltkrieges und den Sturm auf die Polnische Post. Der blutige Kampf dauerte 14 Stunden, 38 der Verteidiger überlebten das Kampfgeschehen, wurden aber wenig später von den Deutschen erschossen. In der "Blechtrommel" gehört auch Oskars Onkel und mutmaßlicher Vater Jan Bronski zu den Verteidigern der polnischen Post. Das Postgebäude ist heute Museum und erinnert an den Kampf der Postbeamten und die Opfer des Kampfes.
 Der Blechtrommler.Denkmal zu Ehren von Günter Grass
Touristischer Anziehungspunkt in Wrzeszcz ist die Ulica Lelewela, der ehemalige Labesweg. Graue Fassaden, rumpliges Pflaster, Hinterhöfe mit spielenden Kindern, fast in Sichtweite zu Danzigs Prunkmeile und doch Lichtjahre entfernt. Es hat sich nicht viel verändert, noch immer weht hier der von Grass so genannte „kleinbürgerliche Mief“. Dort steht das Elternhaus von Günter Grass mit der engen, von Grass detailliert beschriebenen Wohnung. In der es nur zwei Zimmer gab, und das Klo auf dem Flur. Im Haus Nr. 13 hat sich bis heute nicht viel verändert, nur den Kolonialwarenladen gibt es nicht mehr. Deshalb wollte der Danziger Ehrenbürger Günter Grass auch kein Denkmal und schlug vor, für das Geld lieber Toiletten in die Häuser in der Ulica Lelewela einbauen zu lassen.
Ein Denkmal gibt es doch, das von Oskar Matzerath dem Blechtrommler. Nicht weit von der Ulica Lelewela entfernt sitzt der Kleinwüchsige mit der Blechtrommel auf einer Parkbank. Ein bisschen anders sieht er aus als in der Verfilmung von Volker Schlöndorff, irgendwie versöhnend.
© 2007 Reisebasar.de/ Text & Fotos: Brigitte Jäger-Dabek
Brigitte Jäger-Dabek ist seit 1997 hauptberuflich als freie Journalistin und Buchautorin mit den Schwerpunkten Polen und Norddeutschland tätig. Sie kennt Polen seit vielen Jahren, spricht Polnisch, war mit einem Polen verheiratet und hat bereits mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht.
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