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'Ah, Germany, nice country' - Gedanken zu einer Urlaubsreise nach Gambia

von Dr. Volker Kull

Gambia ist das kleinste Land Westafrikas. Seine Hauptstadt ist Banjul, die ehemalige britische Garnison Bathurst. Wie ein schmaler Keil in den Senegal hineingetrieben erstreckt sich das Land von der Atlantikküste entlang des gleichnamigen Flusses etwa 400 km in östlicher Richtung. Die breiteste Stelle mit etwa 50 km findet man an der Küste. Seine Gestalt verdankt Gambia der Grenzziehung in kolonialer Zeit. Im 18. Jahrhundert konkurrierten in Westafrika die beiden europäischen Großmächte England und Frankreich um weite Teile Westafrikas. Immer wieder fanden militärische Auseinandersetzungen statt, die 1783 im Versailler Vertrag zugunsten Frankreichs gelöst wurden. Die Franzosen erhielten die größten Teile der Gebiete um die Flüsse Senegal und Gambia, die sie zur Kolonie Französisch-Westafrika zusammenschlossen. Unter britischer Hegemonie verblieb nur das Gebiet um den Gambia-Fluss, das die Engländer bis zu seiner Unabhängigkeit im Jahre 1965 verteidigten.

Kontakt und Kommunikation zwischen Touristen und Einheimischen. Foto: V. Kull
Icon Bild vergrößern  Kontakt und Kommunikation zwischen Touristen und Einheimischen. Foto: V. Kull

Die Wirtschaft Gambias wird dominiert durch die Landwirtschaft. Über 80% der Bevölkerung ist durch das ländliche Leben geprägt. Nur 20% der Einwohner Gambias leben in der Stadt. Das monatliche Einkommen der Gambier beträgt im Durchschnitt etwa 400 Dalasi, das entspricht zurzeit ungefähr 12 Euro, wobei die vielen Arbeitslosen in diese Summe eingerechnet sind. Die wirtschaftliche Situation der gambischen Bevölkerung ist, um es vorsichtig auszudrücken, also nicht die Beste. Die wichtigsten Gründe hierfür sind insbesondere die ökonomischen Hypotheken der ehemaligen Regierung, ihre Misswirtschaft und das in ganz Afrika verbreitete Geschwür der Korruption, verantwortlich dafür, dass immer wieder Gelder an der Allgemeinheit vorbei in dunklen Kanälen verschwinden. Dennoch: die Gambier sind Fremden gegenüber sehr aufgeschlossen...

Die rituelle Begrüßungsformel

"Hello, how are you?"
"How is the morning?"
"From which country? Sweden, England, Germany? Ah, from Germany!"
"Germany, nice country!"
"From where in Germany? Ah, from the south. I have friends in Hamburg."
"In which hotel do you stay?" ...
"Ah, nice hotel?"
"Do you like The Gambia?"
"Ah, yeah, The Gambia is a nice country!"
"..."

So oder so ähnlich lautet die rituelle Begrüßungsformel, mit dem man als Europäer Tag für Tag von einheimischen Jugendlichen am Strand oder in der näheren Umgebung der gambischen Touristenzentren, Banjul und Serrekunda, willkommen geheißen wird.

Die manchmal unerträgliche Leichtigkeit des Reisens. Foto: Volker Kull
Icon Bild vergrößern  Die manchmal unerträgliche Leichtigkeit des Reisens. Foto: Volker Kull

In den ersten Tagen nach der Ankunft mag man von so viel Freundlichkeit und Sympathiebezeugungen noch geschmeichelt sein. Auf alle Fälle ist man sehr überrascht von der Offenheit der Menschen und davon, dass scheinbar alle Einheimischen gute Freunde in Hamburg, Düsseldorf oder München haben. Doch nicht nur das. Man ist auch froh, dass so viele Gambier einem als Neuankömmling, der noch unter Orientierungsproblemen leidet, nicht nur das fremde Land zeigen wollen, sondern auch schnell zu sich nach Hause einladen. Rasch ist man überzeugt: Gambia ist nicht nur ein schönes Land, sondern auch voller freundlicher Menschen.

Nach nicht allzu langer Zeit jedoch schlägt die anfängliche Sympathie für die Einheimischen um in Überdruss. Es gibt einfach zu viele freundliche Menschen. Die ersehnte Entspannung, auf die man sich zu Hause noch so gefreut hat, will sich nicht einstellen, ja kann sich nicht einstellen. Statt sich der Lektüre der Bücher widmen zu können, die schon seit Monaten auf der Lesewunschliste stehen, für die man zu Hause aber keine Zeit hatte, muss man die immer gleichen Formeln über sich ergehen lassen. Keine Sekunde ist man alleine. Man findet keine Ruhe, die Ruhe, die für das Wohlbefinden von Deutschen und Europäern im Urlaub so wichtig ist. Ist man denn nicht nach Gambia gekommen, um sich ein wenig vom anstrengenden Alltag in Deutschland zu erholen? Man wollte sich doch nur ein schönes Plätzchen am Strand suchen, dieses in der Tradition bester europäischer Eroberungskultur mit dem eigenen, sorgsam ausgebreiteten Handtuch für sich in Beschlag nehmen, lesen und ohne Störenfriede entspannen. Und ab und an hätte man im Hotel gerne einen netten und angenehmen, Folkloreabend erlebt, vielleicht auch einen kleinen Gruppenausflug zu einem traditionellen Medizinmann gemacht, um „authentische“ Kultur zu erfahren. Doch weit gefehlt. Authentische, gambische Kultur habe ich mir wirklich anders vorgestellt.

Hat man den einen Besucher mit allem Respekt und den Worten I appreciate your friendliness, but I just would like to be alone abgewimmelt, kommt auch schon der nächste, setzt sich neben einen an den Strand und beginnt ein Gespräch, mit genau denselben Worten wie sein Vorgänger.
Verlässt man den Strand, wird es nicht besser. Im Gegenteil: Ein Engländer, der schon mehrere Jahre in Gambia lebt und daher über ausreichend Erfahrung verfügen musste, meinte, kurz bevor ich mich auf einen kleinen Spaziergang begab: "Watch out! They", womit er die Gambier meinte, "they hustle and hustle", was sinngemäß bedeutet "Pass auf! Sie gehen aufdringlich ihren Geschäften nach und belästigen die Weißen dabei." Ich ließ mich von dieser Meinung beeindrucken und war den Einheimischen gegenüber misstrauischer. Und hatte er nicht Recht? Sobald ich einen Schritt aus dem Hotel hinaus in die afrikanische 'Wildnis' setzte, war ich begehrtes Ziel für die unterschiedlichsten Begierden der Einheimischen: Da rufen dir Obstverkäuferinnen vom Straßenrand hinterher: "Hello, my friend, you want some nice oranges?" oder es wollen dich abwechselnd Jugendliche durch die Stadt begleiten, selbstverständlich nicht ohne eine angemessene Entlohnung: "Hello, my friend? How are you? From which country? Ah, Germany, nice country? How long have you been here? Do you know the friendly crocodiles? No? Come on, I show you!"

Nachdem ich dann das erste Mal übers Ohr gehauen wurde und sich die erste Verärgerung darüber gelegt hatte, habe ich begonnen, nach eigenen Erklärungsmustern für dieses eigenartige Verhalten zu suchen. Ein Verhalten, das aus einer verwirrenden Mischung aus Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit, angebotener Freundschaft und professionellen Geschäftssinn, dessen Grenzen zu einer Art charmanten Betrugs fließend sind, besteht.

Geduld... eine Eigenschaft, die westliche Touristen leider oftmals verlernt haben. Foto: V. Kull
Icon Bild vergrößern  Geduld... eine Eigenschaft, die westliche Touristen leider oftmals verlernt haben. Foto: V. Kull

Eine Strandkultur der besonderen Art

Glaubt man den Erklärungen der Einheimischen, so ist die Freundlichkeit und Offenheit gegenüber Fremden auf die traditionelle afrikanische Kultur zurückzuführen. Gastfreundschaft und sozialer Kontakt sind wichtige Werte in Afrika, wo der Bereich der Privatsphäre natürlich einen völlig anderen Stellenwert als in Europa besitzt. Zweifellos ist das Leben sehr viel stärker an der sozialen Gemeinschaft ausgerichtet als in Deutschland oder in Europa. Die Familie, Verwandte, Freunde, Bekannte sind wesentlicher Bestandteil des kulturellen Lebens. Das ist natürlich nicht ganz falsch. Aber doch nur die halbe Wahrheit.
Mir war zwischenzeitlich aufgefallen, dass dieses ritualisierte Verhalten der Gambier umso stärker ausgeprägt ist, je näher man den touristischen Einrichtungen kommt. Die Frage, die sich mir deshalb stellte, war, ob ich hier wirklich auf die authentische Kultur Gambias getroffen bin oder ob dieses Verhalten nicht doch mit einer allmählichen Veränderung der gambischen Sozialstruktur bzw.  seiner ethnischen Zusammensetzung zu tun hat. Obwohl der Gedanke mir zunächst doch ein wenig abwegig erschien, habe ich ihn weiterverfolgt.

Die heutige Bevölkerung Gambias setzt sich zusammen aus verschiedenen Volksgruppen, der Bevölkerungsmehrheit der Mandinka, den etwas kleineren Gruppen der Wolof und der Fulbe sowie den Jola und anderen noch kleineren Gemeinschaften, wie etwa die libanesische Diaspora.
Dieses traditionelle Völkergemisch wird ergänzt durch eine sehr heterogene und flüchtige Gemeinschaft. Trotz der geringen Größe ihres Lebensraums und ihres im Allgemeinen geringen Aktionsradius hat diese Gruppe einen maßgeblichen Anteil am rasch fortschreitenden Kulturwandel in Gambia. Die Touristen stammen zumeist aus Europa und sind weiß. Nach Gambia sind sie gekommen, um für einige Zeit ihr Glück zu finden. Viele unter ihnen lieben es, ihren wirtschaftlichen Reichtum zur Schau zu stellen, auf den sie nicht verzichten wollen. Ihr Lebensraum bzw.  Aufenthaltsort beschränkt sich vor allem auf die städtischen Gebiete mit einer hohen Dichte von Hotels, Golf- und Tennisplätzen. Normalerweise vermeiden es Touristen, Kontakt mit den anderen Ethnien aufzunehmen. Wenn sie dann doch mal ihre Behausungen verlassen, um etwas von der Umgebung zu sehen, dann tun sie dies zumeist in größeren Gruppen. Zwangsläufig sind deshalb Angehörige dieser Gemeinschaft nur vereinzelt und sporadisch im Landesinneren anzutreffen.

Zentraler Treffpunkt beider Gruppen ist infolgedessen ein eng begrenzter Raum, der in seinen räumlichen Ausmaßen etwa 5km Länge und 20m Breite misst. Der Strand! Hier findet eine Begegnung zweier völlig unterschiedlicher kulturellen Welten statt, die zunächst sehr spielerisch scheint, dann aber zwangsläufig zu Verständigungsproblemen, kulturellen Missverständnissen und gegenseitiger Verärgerung führen muss. Eine Strandkultur der besonderen Art.

Eine wahrhaft multikulturelle Gemeinschaft, die da am Strand zusammenkommt. Wolof, Mandinka und einige Fulbe neben Libanesen und Touristen. Die Touristen haben ordentlich und wie es sich gehört - man liegt ja nicht auf bloßem Sand - ihre Badetücher und Badematten ausgebreitet oder es sich auf Liegen bequem gemacht, die Einheimischen genießen den Tag und den Anblick des Meeres ohne Unterlage. Genießen? Wahrscheinlich. Fällt manchen Touristinnen doch nichts Besseres ein als in einem vom Islam geprägten Land ihre sonnen-verbrannte Brust zur Schau zu stellen. Tolerant wie die Gambier sind, haben sie nichts dagegen. Doch nicht nur das. Sie haben auch nichts dagegen, ein kleines Geschäft zu machen. Nein, nicht im Wasser, sondern mit den Touristen.

Ist auch kein Wunder. Die großen Hotels und Bungalowsiedlungen mit europäischem Lebensstandard haben alles, was sich die meisten Einheimischen bis zur Ankunft der weißen Touristen selbst in ihren Träumen kaum vorstellen konnten: schöne, gut verputzte, mehrstöckige Steinhäuser mit Klimaanlage, umgeben von gut gewässerten Parkanlagen mit sattem grünem Rasen, Golf- und Tennisplätzen. Die Toubab, wie die Touristen von den Einheimischen ein wenig despektierlich genannt werden, liegen faul mit einem Getränk an ihrer Seite auf ihren bequemen Liegen und tun nichts anderes als die Sonne anbeten. Was denken sich wohl die Gambier bei diesem Anblick? Sind die Europäer etwa vom Christentum zu einer afrikanischen Naturreligion konvertiert? Fast könnte man es meinen. Oder ist dies etwa die Rückkehr der Kolonialisten? Neokolonialisten? Neue Kolonialisten, die ihr Geld im Schlaf verdienen. Vielleicht.

Kein Wunder auch, dass die Gambier vom protzigen 'Glanz' der touristischen Lebensart so stark geblendet sind, dass sie ihr Verhalten und ihre Werte entsprechend ändern, um an diesem Wohlstand teilhaben zu können.
Und wenn die Weißen ihre Siedlung verlassen, was denken sie sich wohl, wenn diese gedankenlos mit ihrem Geld um sich werfen. Wenn sich Türen und Fenster der vorbeifahrenden Busse öffnen und es Mengen von Bonbons und Geldmünzen auf die Straße regnet. Bei diesem scheinbar wohlmeinenden letztlich aber doch arroganten Verhalten, erstaunt es nicht, dass man als Weißer von gambischen Kindern sehr häufig Sätze hört, wie "Toubab, toubab," was soviel bedeutet wie 'Weißer', "Hello, my friend? How are you? Give me sweeties" oder "Give me dalasis". Statt in der Schule englisch zu lernen, sind diese Kinder bei ihren jugendlichen Landsleuten in die Lehre gegangen und haben, in der Hoffnung ein Stück vom großen Tourismuskuchen abzubekommen, dieselben freundlichen Floskeln auswendig gelernt.

Die Frau, die sich um die Familie kümmert - Alltag nicht nur in Gambia. Foto: F. Kull
Icon Bild vergrößern  Die Frau, die sich um die Familie kümmert - Alltag nicht nur in Gambia. Foto: F. Kull

Es liegt nahe, das Verhalten der Einheimischen als Spiegel zu verstehen, in dem sich, wenn nicht die Haltung der Touristen gegenüber den Einheimischen, so doch der angesichts der Armut der Einheimischen oftmals schamlose Umgang mit wirtschaftlichen Gütern von Seiten der weißen Touristen reflektiert. Das würdelose Verhalten der unschuldigen Kinder fällt in erschreckender Weise auf die Kultur der Touristen zurück. Dass dieser Gedanke nicht so abwegig ist, belegt die Tatsache, dass, je stärker mit wirtschaftlichen Werten geprotzt wird - und dies ist in der Umgebung der großen Hotelanlagen zweifelsfrei der Fall -, desto größer die Aufdringlichkeit so mancher Gambiern gegenüber den Fremden ist. Und dies ist nur allzu verständlich. Der Anblick von Geld und Wohlstand korrumpiert die Menschen. In Gambia und andernorts, wo sich der Tourismus in den Ländern der sogenannten Dritten Welt breit gemacht hat, lässt er eine Kultur entstehen, die sich aus dem oberflächlichen Miteinander von Touristen und Einheimischen speist.
Ich habe nur die Hoffnung dabei, dass die europäischen Gäste in diesen Ländern diese spezifische Touristenkultur nicht mit der autochthonen, einheimischen Kultur verwechseln. Umgekehrt sollten die Einheimischen nicht den Fehler begehen, dieses schamlose, reichtumsprotzende Verhalten deutscher Urlauber mit unserer Kultur zu verwechseln.


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© 2009 V. Kull, Text & Fotos: Volker Kull

Dr. Volker Kull hat u.a.  Ethnologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg studiert. Der bekannte Filmkritiker und Spezialist für lateinamerikanische Dokumentarfilme lebt und arbeitet zur Zeit in Düsseldorf und bereist gerne fremde Kulturen.


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